3:0-Sieg im Abstiegsendspiel – Oh 96 olé, du wirst niemals untergehn

Hannover 96 besiegt im Abstiegsendspiel im Bochumer Ruhrstadion den VfL mit 3:o und wird die neunte Saison hintereinander in der 1. Bundesliga spielen. Oh 96 olé („allez“ für alle frankophilen Ultras), du wirst niemals untergehn – eine Art Stimmungsbericht.

Bochum, ich komm‘ zu dir

Ankunft Bochum Hauptbahnhof. Erster Eindruck, erschreckend was 50 Jahre Sozialismus anrichten können. In der Fußgängerzone haben sich die 96-Fans mit Moritz Fiege verabredet, zu Currywurst mit Pommes spielt eine Big-Band Schlager aus Sprockis Jugend. Eine Vorbesprechung des Abstiegsendspiels mit sturzbetrunkenen Ostfriesen scheitert schon daran, dass diese sich nur noch auf Platt halbwegs verständlich machen können. Es bleibt daher auch ungeklärt, ob sie sich nicht eigentlich beim Spiel von Werder Bremen gegen den Hamburger SV wähnen.

Nille B. dreht den Scheinwerfer - Kocka Rausch zu schwach, Cash Flow nicht bekannt, Pommes lecker. Aber unsere ostfriesischen Freunde verstehen ihn schon längst nicht mehr.

Währenddessen frönt die niedersächsische Jugend ihrer wiederentdeckten Lust am organisierten Aufmarsch. Der Marsch durch ein vom Strukturwandel gebeuteltes Bochum zeigt: Erst sterben die Zechen, später folgen die Trinkhallen. Besser schnell ins Stadion.

Keine Arbeiter, kein Durst, keine Trinkhalle. Entsteht hier vielleicht bald ein Trinkhallenmuseum?

Im Ruhrstadion

Im Ruhrstadion feuert eine „rote Wand“ von der Westtribüne aus die 96er an, Tausende tragen rote T-Shirts mit dem Aufdruck „Gemeinsam für die 1. Liga“. Nur noch Erbsenzähler interessiert, ob es mehr als 10.000, vielleicht sogar 12.000 Fans sind, die Hannover 96 im Bochumer Ruhrstadion unterstützen. Für diesen Blog wurde allerdings Pedanterie versprochen, daran will ich mich auch festhalten lassen – Fan-Chronisten können meiner Meinung nach mit gutem Gewissen von 8.000 mitgereisten Fans von Hannover 96 berichten. Wer mir jetzt entgegen schreit: „Bei der Aufstiegsfeier des FC St. Pauli auf der Hamburger Reeperbahn haben sie sogar Partyvolk, Touristen, Obdachlose und Nutten mitgezählt, da dürfen wir Hannoveraner ja wohl wenigstens den Berichten der deutschen Qualitätspresse Glauben schenken“, dem antworte ich: „Aber bitte schön, bin schon überzeugt“.

Einen Heimvorteil haben die Bochumer an diesem Samstag jedenfalls nicht. Von einer wirklichen Unterstützung der eigenen Mannschaft kann man nur bei den Hannoveranern sprechen. Roland Zorn stellt in seinem Artikel  „So schön, so traurig“ fest:

„In Bochum wurde im Gegensatz zur zerstörerischen Untergangsstimmung beim VfL zumindest sichtbar, wie eng für den Augenblick der Schmerz über Enkes Tod die Anhänger des norddeutschen Traditionsvereins und die Spieler hat zusammenrücken lassen. Die „rote Wand“ auf den Rängen des mit knapp 31.000 Zuschauern ausverkauften Bochumer Stadions war am Samstag für die positive Atmosphäre alleinzuständig.“

„Kaltblütig und entschlossen setzt sich 96“ (FAS) von konfus spielenden Bochumern in der 1. Halbzeit durch Treffer von Bruggink, Hanke und Pinto mit 3:0 ab.

Als der Bochumer Stadionsprecher in der Halbzeitpause den Klassiker „Gimme hope Joanna“ einspielt, kann man auf die Idee kommen, dass er damit das Motto für den zweiten Durchgang vorgeben will. Während VfL-Coach Wosz für die zweite Halbzeit neben Lewis Holtby auch Joël Epalle bringt, nehmen die Bochumer Fans dagegen den Ball nicht auf, um ihn mit einem „Gimme hope Joël“ zurückzuspielen. Dafür ist die Atmosphäre auf der Osttribüne zu destruktiv. Stattdessen singen und wippen die Fans der Roten wunderbar fröhlich-(sinn)befreit mit.

Auch die Einwechslungen von Epalle und Holtby können die deutliche Führung der Roten in der zweiten Halbzeit nicht gefährden. Die wenigen brenzligen Situationen entschärft ein immer sicherer werdender Florian Fromlowitz bravourös. Bochum verkrampft zusehends, 96 kann das 3:0 fast schon locker über die Zeit bringen.

Ohne die Wintereinkäufe Elson und Koné sichert damit eine Mannschaft den Klassenerhalt, die nach der Meinung der hannoverschen Presse mit Robert Enkes Tod im metaphorischen Sinne ebenfalls gestorben sein sollte. Neben den Hoffnungsträgern für die Zukunft Manuel Schmiedebach und Didier Ya Konan sind vor allem die von manchem bereits abgeschriebenen langjährigen 96-Recken wieder quicklebendig. Schon das 3:2 von Hanno Balitsch im Heimspiel gegen Schalke 04 war „Conditio sine qua non“ für den Klassenerhalt. In Bochum bereitet Balitsch zudem das 1:0 vor und beweist, dass er nicht nur ein Führungsspielerdarsteller, sondern ein echter Leader ist. Mike Hanke zerreißt sich gegen Gladbach und Bochum, trifft zweimal und beschämt jeden, der ihm in der Vergangenheit mangelnde Einstellung vorgeworfen hat. Steven Cherundolo spielt endlich nicht nur Alibifußball, übernimmt Verantwortung, so dass in Bochum erstmals nach langer Zeit laut und voller Überzeugung „USA“-Sprechchöre aus der Fankurve kommen. Mit Bänderriss kämpfte Sergio Pinto geradezu heroisch gegen den Abstieg, mit lässiger Selbstverständlichkeit schlenzt er gegen Bochum den Ball zum 3:0 ins Netz. An den unbeherrschten „Platzverweis-König“ Pinto kann sich kaum noch jemand erinnern.  Auch ein bereits als Fehleinkauf abgestempelter Mario Eggimann scheint plötzlich mit sich im Reinen und hält gemeinsam mit Karim Haggui die hannoversche Hintermannschaft derart gut zusammen, dass Ottmar Hitzfeld ihn in den 30-köpfigen vorläufigen WM-Kader der Schweizer Nationalmannschaft beruft. Und was soll man noch zu Onkel Brug sagen? Volleytreffer zum 1:0, gedankenschnell auf Hanke zum 2:0 abgelegt. Danke Arnold. Die 96-Fans sind stolz auf ihr Team aus Hannover.

Als nach dem Spiel die Mannschaft in Gedenken an Robert Enke ein schwarzes Banner ausbreitet, kann man förmlich mit den Händen greifen, wie sehr die Spieler unter dem Verlust ihres Kapitäns gelitten haben. Das erste Mal seit seinem Tod skandieren 96-Fans den Namen ihrer Nummer 1. „Robert Enke, du bist der beste Mann“, rufen Tausende und die Mannschaft stimmt ein. Der graue Schleier der Traurigkeit scheint zerrissen. Mit Robert Enke in ihren Herzen kann die Mannschaft jetzt weitergehen. Markus Lotter schreibt dazu in der Berliner Zeitung vom 10. Mai 2010:

„Noch ein Mal und wahrscheinlich war es das letzte Mal, rückten die 96er nach dem 3:0 gegen den VfL, das den Klassenerhalt bedeutete, das Gedenken an Robert Enke in den Mittelpunkt ihrer Gemeinschaft. „Robert R.I.P.“, Robert Rest in Peace, Ruhe in Frieden, war auf einer Banderole zu lesen, was als Widmung, aber auch als Botschaft verstanden werden sollte. Die Botschaft: Seht her, wir werden unseren früheren Kollegen niemals vergessen! Und doch ist man an einem Punkt angelangt, an dem eine Zukunft ohne den früheren Kollegen denkbar ist.“

Den starken Zusammenhalt in der Mannschaft betont 96-Trainer Mirko Slomka in der Pressekonferenz nach dem Spiel. Gemeinsam habe man gekämpft, gegenseitig Fehler ausgebügelt, immer wieder sei das Team nach Rückschlägen in dieser Saison zurückgekehrt. Neben ihm sitzt mit Tränen in den Augen ein am Boden zerstörter Trainernovize Wosz, der sich ob des aus seiner Sicht fehlenden Einsatzes seiner Mannschaft schockiert zeigt. Schon während des Spiels hatte Wosz an der Seitenlinie konsterniert ins Leere geschaut. Ein irgendwie merkwürdiger Auftritt. Entweder Wosz möchte sich nach seinem planlosen Trainerintermezzo möglichst schnell selbst aus der Schusslinie nehmen. Dafür spricht, dass Wosz für meinen Geschmack etwas penetrant das Klischee der treuen VfL-Ikone bedient, die von Söldner-Fußballern im Stich gelassen worden ist. Oder die VfL-Mannschaft ist tatsächlich ein charakterloser Haufen. Dann haben die Bochumer aber mit der von der Mannschaft forcierten Entlassung Heiko Herrlichs so ziemlich alles falsch gemacht. Nicht unser Problem. Um mit Mirko Slomka zu sprechen: „Gestatten Sie uns ruhig, dass wir heute Abend noch ein bisschen feiern.“

Der perfekte Trainer für den VfL Bochum? Der gemeinsame Sohn von Christoph Daum und Peter Neururer führt seinen Cocker Spaniel in der Bochumer Fußgängerzone spazieren (unten, nicht im Bild) und hat dabei die linke Hand lässig in der Hosentasche.

Bochum, ich fahr’ weg von dir

Während im Mannschaftsbus, dirigiert von Florian Fromlowitz, von 91 bis zur 96 hochgezählt wird, machen sich tausende Hannoveraner in Sonderzügen auf den Weg in die Landeshauptstadt. Nach der Rückkehr wird der HSV von 1896 am Hannoverschen Hauptbahnhof besungen. Ich behaupte, dass die Fans bei ihrer Ankunft mit Blumen und Applaus begrüßt werden, dass manchem Heimkehrer von älteren Männern, die in den 1960er Jahren selbst regelmäßig zu 96 gegangen sind, mit Tränen in den Augen anerkennend auf die Schulter geklopft wird.

Fanmagazin-User MiNiJo war dabei

Bei einer spontan organisierten Klassenerhaltsparty im Niedersachsenstadion pogen die Spieler vor wohl über 10.000 Fans. Djakpa verkündet, dass er auch nächstes Jahr für Hannover 96 spielen wird. Nicht auf so eine gönnerhafte Art und Weise wie dies wahrscheinlich bald Franck Ribery bei den Bayern tun wird, wenn die europäischen Großclubs für ihn keine Verwendung haben. Vielmehr freut sich Djakpa über die Nachricht selbst am meisten und die 96-Fans freuen sich mit ihm. „Oh 96 allez, du wirst niemals untergehn“ als Afroversion. Unschlagbar!

In Hannovers Kneipen wird der Klassenerhalt ausgelassen gefeiert. In der Kölner Kicker-Kneipe „Grünfeld“ werden derweil die traurigen Reste der einst stolzen Bochumer Osttribüne zwischen Bar und Kickertisch gekesselt und aufgerieben. Zuvor war schon in „Gottes Grüner Wiese“ Umerziehungsarbeit geleistet und geschlagenen Bochumern indoktriniert worden, dass nur Hannover 96 niemals untergehn wird. Auf dem Fußballplatz, auf den Rängen, an der Bierflasche und am Kickertisch. An der totalen Dominanz der Hannoveraner hätte sogar Louis van Gaal seine Freude gehabt.

Gegen die deutsche Krökelhauptstadt mussten VfL-Fans auch beim Tischfußball zwangsläufig den Kürzeren ziehen.

blogstudio (2): Nightmare on Castroper Street

Am Samstag kommt es im Bochumer Ruhrstadion an der Castroper Straße zum Horrorschocker VfL Bochum gegen Hannover 96. Albtraum Niederlage im Endspiel um den Klassenerhalt, wer aus ihm aufwacht, ist wahrscheinlich in Liga Zwei.

Abstruser Abstiegskampf?

Während der Saison haben beide Mannschaften Misserfolgsserien produziert, die ihnen im Kampf um den Klassenerhalt normalerweise das Genick gebrochen hätten. Hannover 96 konnte nach dem 1:0-Sieg in Köln in 13 Spielen keinen Dreier einfahren, hat dabei angefangen mit dem Auswärtsspiel in Mönchengladbach neunmal am Stück verloren. Konkurrent VfL Bochum konnte seine letzten elf Matches vor dem Abstiegsendspiel nicht gewinnen. Hätte die Konkurrenz nicht genauso selten gepunktet, statt Endspiel um den Klassenerhalt ginge es für die Roten beim VfL Bochum nur noch um die schwarz-weiß-grüne Ananas.

Samstag 17:20 Uhr könnten eventuell schon schmale 31 Punkte für den Verbleib in der 1. Liga genügt haben. Der SC Freiburg konnte sogar – obwohl seiner Mannschaft regelmäßig die Bundesligatauglichkeit abgesprochen worden war – bereits am 33. Spieltag mit ganzen 32 Punkten den Klassenerhalt eintüten. Hertha BSC hat in der gesamten Saison bisher nur ein einziges Heimspiel für sich entschieden, schloss die Hinrunde mit mickrigen sechs Zählern ab und hatte dennoch am 32. Spieltag mit gerade einmal 23 Punkten noch eine kleine Chance auf den Klassenerhalt.  Der Abstiegskampf glich diese Saison über weite Strecken den Disziplinen der „Silly Olympics“ von Monty Python.

Täuscht dieser Eindruck oder wird die Spanne zwischen den Spitzenklubs und dem Rest der Liga tatsächlich immer größer? Muss man vielleicht sogar von einer leistungsmäßig zweigeteilten 1. Liga sprechen? Ja, sagen die „Fünf Freunde im Abseits“ und sehen eine „Liga der Erfolglosen“. Champions- und Europa-League sowie die eigentlich den Statuten der DFL widersprechende Subventionierung von Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim durch Weltkonzerne bzw. Mäzene hätten dafür gesorgt, dass sich ein illustrer Kreis gebildet habe, der die vorderen Plätze unter sich ausmache.

Jein, meint dagegen Christan Schulz in einem Interview mit dem Fußballmagazin 11 Freunde.

 (…) Für mich kommt das auch überraschend, vor der Saison hätte ich niemals damit gerechnet, mit 30 Punkten in der Liga zu bleiben. Generell ist die Spanne zwischen oben und unten zwar größer, die Leistungsdichte aber dennoch enger geworden. (…)
Wir stehen vielleicht unten im Keller und haben 30 Punkte Abstand auf einen Champions- League-Platz. Dennoch wären aber in der Lage, gegen Bayern und Bremen zu gewinnen und gegen Schalke haben wir gewonnen. In anderen europäischen Ligen ist der Gedanke illusorisch.

In der Tat ergibt sich bei genauerem Hinsehen ein differenzierteres Bild. Zwei oder drei dominierende Clubs gibt es in der Bundesliga nicht. Die maximal 70 Punkte, mit denen der FC Bayern die Deutsche Meisterschaft holen wird, sind ebenso wie die maximal 67 Punkte von Vizemeister Schalke 04 kein besonders herausragender Wert. Nicht völlig von der Hand zu weisen ist, dass es ein relativ geschlossenes Feld von Vereinen gibt, die um die internationalen Plätze spielen. Andererseits sind Stuttgarts maximal 57 Punkte am Saisonende für Platz sechs zwar gut, aber auch nicht völlig ungewöhnlich. Und kann man wirklich davon sprechen, dass ein Verein wie der VfB in die erweiterte Spitzengruppe einbetoniert ist, wenn er nach der Hinrunde noch auf Platz 15 gestanden hatte?

Trotz insgesamt spärlicher Punkteausbeute konnten die Clubs aus den Niederungen der Liga gegen Spitzenvereine durchaus Erfolge erzielen. Nicht nur verpasste Hannover 96 mit einem 4:2 den Meisterschaftshoffnungen von Schalke 04 einen herben Dämpfer. Auch Bayer Leverkusen kassierte seine erste Saisonniederlage am 25. Spieltag in Nürnberg. Zwei Spieltage zuvor hatten die Clubberer auch gegen Bayern München immerhin ein Remis erreicht. Freiburg hat aus den beiden Begegnungen mit Vizemeister Schalke 04 vier Punkte mitgenommen, auch Bochum hat gegen Spitzenteams gepunktet. Und Hertha BSC dürfte spielerisch – jedenfalls im Hinblick auf die Leistungen der Rückrunde – zu den stärksten Absteigern der Bundesligageschichte gehören.

Euer Dorf soll schöner werden: Aktion Rotes Ruhrstadion (mit schwarz-weiß-grünen Tupfern)

Dass die Roten zu einer „Liga der Erfolglosen“ gehören, wird die vielen ins Ruhrgebiet reisenden 96-Fans am Samstag nicht interessieren, solange sie nach 34. Spieltagen in dieser Liga wenigstens als Vizemeister hinter dem SC Freiburg reüssieren. Nach Berichten der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sollen 10.000 Fans die Roten nach Bochum begleiten. Neben den 3.800 Karten, die über Hannover 96 verkauft worden seien, seien 6.200 weitere Tickets aus dem Online-Shop des VfL Bochum in die Region Hannover gegangen. Ich bin angesichts der üblichen Übertreibungen des Zuschauerinteresses eher skeptisch. Auch vor Heimspielen werden regelmäßig Zahlen für die im Vorverkauf abgesetzten Tickets veröffentlicht, die sogar die spätere Zuschauerzahl inklusive an der Tageskasse verkaufter Tickets überschreiten.

Ich kann mich eigentlich auch nicht daran erinnern, dass die hannoversche Presse dies irgendwann einmal anders gehandhabt hat. Schon vor dem Pokalfinale 1992 überbot man sich meiner Erinnerung nach fast täglich mit der Anzahl erwarteter 96- Fans, 25.000, 30.000, 40.000 sollten es in Berlin werden. Am Finaltag war dann praktisch ganz West-Berlin voller Gladbach-Fans, viele von ihnen saßen sogar in der Hannover-Kurve. Das schallende „Hier kommt der VfL“ nach der Melodie „Those were the days my friend“ bekam man auf diesem Wege sogar in Stereo angeboten. Ein Schlachtruf, den Hannovers Fans danach viele Jahre nachahmen wollten, die Melodie dabei aber irgendwie nie richtig trafen. Aber ich komme vom Thema ab. Was ich nur sagen will, ärgert euch nicht, wenn es doch „nur“ 5.000 Rote in Bochum sein sollten. Mit ähnlich großer Unterstützung konnte Hannover 96 in der Saison 1993/94 im Essener Stadion an der Hafenstraße den Abstieg aus der 2. Bundesliga verhindern – eine der stimmungsreichsten Auswärtsfahrten, die ich mitgemacht habe. Die Überschrift „Euer Dorf soll schöner werden“ ist daher auch nur so mal eben provokant dahingeschrieben. Abstiegsendspiel im Ruhrpott hat Gesicht. Trotz Schalke und Dortmund ist der Fußball im Ruhrgebiet eigentlich nirgends so sehr bei sich wie in Bochum an der Castroper Straße. Sprocki, komm geh’ mit, ich krieg’ Appetit auf Currywurst – und ein Fiege-Pils.

Vorsicht bitte: Bochum kann Abstiegskampf!

Ich verstehe nicht, weshalb sich manche 96er bei VfL4u anmelden, um starsinnig gegenüber zweifelnden Bochumern darauf zu beharren, dass mindestens 50.000 Rote in Bochum einfallen werden. Liebe Leute, dadurch fährt nicht ein einziger 96-Fan mehr ins schöne Ruhrgebiet. Man hilft auf diesem Wege nur dem VfL, seine Fans zu mobilisieren. Nicht tagelanges Herumschwadronieren, sondern Shock and Awe wäre eigentlich für Samstag angesagt gewesen!

Wie man es richtig macht, zeigt Christoph Biermann, bekanntlich VfL-Fan, in seinem diese Woche bei SPON erschienenen Artikel „Böse Geister, grausame Dramen„.

„Und warum sollte dem VfL Bochum gerade gegen Hannover 96 ein Sieg gelingen, wo Spieler und Fans nun schon verzweifelt seit elf Spielen darauf warten und in dieser Saison bereits der vierte Trainer an der Mannschaft herumdoktert? Zumal sich Gegner Hannover beim 6:1-Sieg über Mönchengladbach in Rausch und völlige Befreiung spielte. Das sieht nach Hannoveraner Selbstbewusstsein in Überfluss und einer klaren Sache aus.“

Warum dem VfL gegen 96 ein Sieg gelingen sollte? Zum Beispiel weil die hannoverschen Krisenreaktionskräfte schon in der Hinrunde die Bochumer Krise beendeten und sich auch andere Krisenclubs gegen Hannover 96 ihren Frust von der Seele spielen konnten. Aber dies weiß Biermann natürlich selbst, Abstiegskampf beherrscht er einfach aus dem Effeff und möchte es sich und dem VfL bis Samstag in der Underdog-Position gemütlich machen. Auch ein kurzer Blick auf die Wettquoten zeigt, dass Hannover 96  trotz des grandiosen 6:1 gegen Mönchengladbach keinesfalls als großer Favorit ins Endspiel um den Klassenerhalt geht. Bwin sieht beispielsweise den VfL bei Quoten von 2,30:3,40:2,85 leicht favorisiert.

Der böse, schwarze Mann

Für Bochum ist Abstiegskampf alltäglich. Darauf baut nicht nur Christoph Biermann, sondern auch Hermann Gerland, der dem VfL natürlich die Daumen drückt. Angst ist dennoch nicht angesagt. Bochum hat Erfahrung im Abstiegskampf, aber auch im Absteigen. Die Zeit der Unabsteigbaren ist schon lange vorbei. Hannover 96 hat sich am Samstag gegen Gladbach von allen negativen Gedanken befreit. Die Konzentration ist da, die Jungs wissen was sie tun.  Am Ende des Tages wird Bochum aus einem Albtraum an der Castroper Straße aufwachen, in dem der VfL dem bösen, schwarzen Mann begegnet ist.

One, two, Didier’s coming for you
Three, four, better lock your door

Sechszueins

Einszunull wie einst Uns Uwe
Zweizunull durch Sergio
Warum spielt der nicht für Juve?
Wieso denn nicht immer so?

Ya! Konan das nächste Tor
Wie der junge Asamoah
Ja! Wie schön ein Tor von Hanke
Mike ich sag’ Dir ganz lieb danke

Manuel auf Sofian
Fohlenfans schon inner Bahn
Sechszueins mit voller Wucht
Mach es gut Onkel Brug

blogstudio (1) – Bochum, Club und Hertha

Das aktuelle blogstudio berichtet vor Anpfiff des 33. Spieltags aus den Blogs und Foren der Mitkonkurrenten um den Nichtabstieg aus Bochum, Berlin und Nürnberg. Ach ja Freiburg, entfällt mangels Masse.

VfL Bochum – Zaubermaus soll’s richten

Heiko Herrlich war beim VfL Bochum als Reformer angetreten. Mit freundlicher Unterstützung von Hannover 96 stellte sich zunächst auch der sportliche Erfolg ein, als der VfL binnen zwölf Spielen nur gegen den FC Bayern verlor. Mittlerweile sind die Bochumer aber seit zehn Spielen sieglos. Dennoch kam die Beurlaubung Herrlichs am Donnerstag für viele überraschend. Die letzten zwei Spiele soll nun Dariusz Wosz den Abstieg verhindern.

Bei den VfL-Fans gehen die Meinungen über die Entlassung Herrlichs weit auseinander. Manche VfL-Fans meinen, Herrlich sei letztlich einer Kampagne der Boulevard-Medien zum Opfer gefallen, sehen die Schuld bei charakterlosen Spielern und einer inkompetenten Vereinsführung.

„Dass die die Rückholaktion von Schafstall damals wirklich noch mal toppen können, hätte ich nicht gedacht, Respekt.“

„Diese Truppe hat es tatsächlich geschafft, unter toller Mithilfe der Schmierfinken von Bild und weiterer Zeitungen, den Trainer zu stürzen.“

„Für mich genau die Entscheidung, die in dieser Situation die schlechteste ist. Was für ein Effekt soll so eine Aktion 2 Spieltage vor Ende bringen? Mit Herrlich habe ich sogar für die 2. Liga eine Perspektive für unseren Verein gesehen, doch ähnlich wie bei Kuntz sind in unserem Kuschelverein wohl keine Leute erwünscht, die auch mal sagen, wo es schief läuft. Laut 1Live soll Herrlich in der Kabine Spieler beleidigt haben. Da sag ich nur: nach Nichtleistungen gegen Nürnberg, Frankfurt, Köln usw. ist das völlig richtig. Wir sind hier beim Fußball und nicht beim Tanz. Unterm Strich empfinde ich diese Entlassung als katastrophale Fehlentscheidung, die uns nun endgültig in die zweite Liga schickt. Denn was soll ein Mann wie Wosz nun in den wenigen Tagen, die ihm verbleiben, noch bewirken? Dazu gar keine Erfahrung im Profifußball als Trainer. Gute Nacht, VfL.“

„Statt dem Trainer den Rücken zu stärken, schützen sie diese überalterte, charakterlose, sich selbst überschätzende Truppe.“

Andere weisen darauf hin, dass der VfL bei Trainerentlassungen schon aus finanziellen Gründen in der Regel sehr zurückhaltend ist. Grundlos könne die Entlassung daher nicht erfolgt sein.

„Aus finanziellen Gründen hätte der VfL so etwas nie im Leben gemacht, wenn es da nicht tiefgreifende zwischenmenschliche Probleme gegeben hätte.“

„Der VfL hat noch nie einen Trainer vorschnell gefeuert. Hier wurde immer viel zu lange am Übungsleiter festgehalten. Neururer durfte absteigen, Topmöller auch. Wenn der VfL ein solch finanzielles Risiko eingeht, muß noch wesentlich mehr vorgefallen sein als wir wissen.“

„Mit Herrlich hätten wir gegen 96 sang- und klanglos verloren. Jetzt besteht zumindest wieder Hoffnung, dass der bei der Mannschaft voll akzeptierte Wosz die letzten Kräfte mobilisieren kann.“

„Was soll jetzt die Legendenbildung? Klar versprach Herrlich Hoffnung auf einen Neuanfang, dieser Lack hat aber in den letzten Wochen einige Kratzer abgekriegt.“

„Ich gehe mit der Entscheidung, Heiko Herrlich zu entlassen absolut konform. Von den anfänglich guten Ergebnissen inklusive einem 9-Punkte-Vorsprung ist einfach nichts mehr übergeblieben. Der positive Effekt durch HH´s Verpflichtung rasend schnell verpufft.
Sein Umgang mit Spielern, sein Standing innerhalb der Mannschaft (zumindest wenn man den Medien glauben schenken kann), sein öffentlicher Kleinkrieg mit den Medien, das bröckelnde Vertrauen der Vereinsführung sowie die katastrophale sportliche Situation haben diese Entscheidung unumgänglich gemacht.“

„Im Nachhinein muss man sagen, dass die Verpflichtung von HH dem Verein in keinster Weise genutzt hat.“

Wenigstens der Zeitpunkt der Beurlaubung Herrlichs scheint manchem unsinnig.

„Aber zum total falschen Zeitpunkt. Entweder vier Wochen zu spät oder eine zu früh. Der einzig positive Effekt durch einen möglichen Trainerwechsel, nämlich Niederlagenserien vergessen zu machen und die berühmten Köpfe frei zu kriegen, ist doch verpufft, wenn der neue mit ner Klatsche beginnt (und damit ist ja wohl in München schon zu rechnen…)“

Entlässt der VfL regelmäßig genau die Leute, die in der Lage wären ihn trotz seiner geringeren Möglichkeiten in der Bundesliga zu etablieren? Schließlich hatte man sich in der Vergangenheit auch von Stefan Kuntz getrennt, der mittlerweile mit dem 1. FC Kaiserslautern in die Bundesliga aufgestiegen ist und dabei bei einigen Transfers ein glückliches Händchen bewiesen hat.

„Zu Kuntz: Da wollte ich schon länger anfügen, dass es für mich nicht möglich ist Kuntz zu loben und dann Herrlich genauso zu loben. Denn was haben Heerwagen, Yahia, Mavraj, Pfertzel, Sestak, Epalle, Azaouagh gemein? Sie haben am Freitag für den VfL gemeinsam versucht Fussball zu spielen. Richtig! Sie haben aber auch gemein, dass sie alle von Sportdirektor Stefan Kuntz geholt worden sind. So wie die Mannschaft sich in letzter Zeit präsentiert, ist die Frage dann zwangsläufig. Hat Kuntz dann nur Spieler mit Zweitliganiveau geholt oder hat Herrlich das Potenzial dann überhaupt nicht mehr abrufen können. Aber zu sagen Herrlich war toll und Kuntz war toll, ergibt für mich keinen Sinn.“

 Quelle: Vfl4u

Prognose: Ob Zaubermaus Wosz auch bei zwei verbleibenden Spieltagen auf der Trainerbank zaubern kann, darf bezweifelt werden. Gelingt den Bochumern auch in München keine Überraschung, muss Hannover 96 vor dem Abstiegsendspiel im Ruhrstadion nicht bange sein.

Dem VfL Bochum ist die Zukunft seines beurlaubten Trainers Heiko Herrlich nicht egal.

1. FC Nürnberg – Der „Neue-Trainerfluch“

Auch bei den Clubberern wird vor der nächsten Partie über eine Trainerentlassung diskutiert. Hier allerdings steht der Trainerwechsel beim nächsten Gegner Hamburger SV im Mittelpunkt.

Einen „Neuen-Trainerfluch“ wollen die drei Clubfreunde in dieser Saison beim FCN ausgemacht haben.

Ins gleiche Horn bläst man auch beim Clubblog

„Blöd gelaufen: Zur eigenen Dummheit (drei durchaus zu verhindernde Niederlagen in Folge) kommt nun auch noch Pech. Der HSV wechselt ausgerechnet vor dem Bundesliga-Spiel gegen Nürnberg den Coach. Bruno Labbadia, Ex-Fürther-Coach, hat jetzt auch an der Alster ausgedient. Und die Hamburger Profis werden sich nun wieder anstrengen, statt, wie am Sonntag beim 1:5 in Hoffenheim zu bewundern war, die Arbeit einzustellen und dem Gegner beim Toreschießen zuzusehen.“ 

Und bekommt dafür Zustimmung von seinen Lesern.

„Passend zur allgemeinen Depression hat jetzt auch noch der HSV Labbadia gefeuert, damit gegen den Club schon wieder ein Verein mit neuem Trainer spielt. Gibt es da keine Regeln gegen Wettbewerbsverzerrung?“

Andere sind bei Clubfans-United aufklärerisch unterwegs und halten „Neue-Trainerflüche“ für Unsinn.

„Die Argumentation von clubfanseit1965 (greife ich jetzt stellvertretend für die Unkenrufer raus, nicht persönlich nehmen) muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: “Und gerade das Auswärtsspiel in Hamburg steht unter denkbar schlechten Vorzeichen: Der HSV hat keine Chance mehr, sich über einen Tabellenplatz fürs internationale Geschäft zu platzieren, sondern muss über die Europa-Liga gehen, steht also gewaltig unter Druck”. Aus diesem Grund also wird uns Hamburg unabwendbar in Grund und Boden schießen?! Ich bin mir sicher, würde der HSV nächste Woche gegen Hannover spielen, wäre die Grundlinie hier: beim HSV geht’s in der Liga um die goldene Ananas und die Spieler hassen sich gegenseitig und den Trainer sowieso; falls sie am Donnerstag gewinnen sind sie noch blau und wenn sie verlieren noch betrübt, also gewinnt 96 ganz bestimmt…“

Prognose: Auch unser damaliger Neu-Trainer Andreas Bergmann gewann mit den Roten sein erstes Spiel in Nürnberg. Der „Neue-Trainerfluch“ ist Fakt und kann nicht geleugnet werden. Der Club verliert in Hamburg.

Hertha BSC – Mit Funkel in Liga Zwei?

Bei den Fans der Berliner Hertha hat man sich wohl mehrheitlich mit dem Abstieg abgefunden. Jetzt werden die Verantwortlichen gesucht. Soll Friedhelm Funkel auch in der 2. Liga bei Hertha Trainer bleiben?

Der Hertha-Blog steht einer Weiterbeschäftigung Funkels angesichts seiner Phrasendrescherei und seiner ständigen Ausreden kritisch gegenüber. 

Marxelinho meint zum Thema Funkel:

„Am Tag nach der Niederlage gegen Schalke hat Coach Funkel den Fatalisten gegeben: „Man kann im Fußball nicht immer alles erklären.“ Damit hat er Recht, sein Amt bezieht sich ja auch nur auf die Bereiche, die man erklären kann. Am Niedergang von Hertha gibt es einen Rest von Schicksal, das ist keine Frage, und das, was sich erklären lässt, hat Funkel nicht allein, inzwischen aber auch zu einem beträchtlichen Teil zu verantworten.“

Wer Funkels Station bei der Frankfurter Eintracht verfolgt hat, den konnten die Durchhalteparolen im Stil der Wochenschau von April 1945 nicht überraschen. Ebenso waren Funkels ständige Ausflüchte nach Niederlagen bekannt. Ich selbst kenne einen die Spiele von Eintracht Frankfurt verfolgenden Sky-Abonnenten, der seit der Funkel-Ära nach jedem Frankfurter Gegentor das Spiel auf seinem DVD-Recorder so lange zurücklaufen lässt, bis er eine die Eintracht benachteiligende Fehlentscheidung des Schiedsrichters findet.  

Prognose: Funkel ist als Trainer siebenmal abgestiegen, fünfmal aber auch aufgestiegen. Die Hertha hat also das Schlimmste hinter sich und kehrt nächstes Jahr größenwahnsinniger als je zuvor in die 1. Bundesliga zurück.

 SC Freiburg – Wohl gerettet

Bleibt in der 1. Bundesliga, aber Günter Grass wird nie wieder ins Dreisamstadion kommen. Die Karawane ist nach Mainz weiter gezogen.

Redaktionelle Anmerkung: Beitrag wurde am 1. Mai 2010, 11:00 Uhr publiziert. Da wordpress.com  Artikel nur auf der Startseite erlaubt, wurde der Beitrag am 2. Mai 2010 von der Seite „das aktuelle blogstudio“ auf die Startseite verschoben.

Sie ist die Queen der Tauentzien

Weblogs sind bekanntlich oftmals schrecklich selbstreferentiell. A kommentiert einen Artikel von B, der einen Beitrag von C unter die Lupe nimmt, der darüber berichtet hatte, was der gute A so schreibt. Ist klar was gemeint ist. Auch wenn sechsundneunzig nicht vorrangig um sich selbst und die Fußballbloggerei kreisen möchte, macht es da letztlich auch keine Ausnahme. Und so kommt es, dass ich hier ein paar Zeilen zu einem Artikel des mittlerweile im Hertha-Blog aufgegangenen Blogs Welt Hertha Linke schreiben möchte. „Zehn Gründe Hannover 96 zu hassen.“

Erfahrene Fußballblogleersauger werden jetzt natürlich fragen: „Wieso kommt er denn jetzt mit dieser ollen Kamelle von April 2008?“ Das kann ich in einem Satz erklären. Schuld ist Martin Kreiensen, der jüngst in seinem Fußballblog „Die Roten“ unter Hinweis auf den besagten Artikel feststellte, dass der Blog Welt Hertha Linke unsere Roten in der 1. Bundesliga mit Sicherheit nicht vermissen werde und politisch korrekt, wenngleich auch mit etwas hohem Moralingehalt so meinte, dass er „Hass ein wenig krass finde“, woraufhin Enno vom Hertha-Blog einwandte, der ganze Beitrag sei „doch eher humoristischer Natur“, so dass ich wiederum schlussfolgerte, dass dort reizvolle Fiesheiten über Hannover und 96 klassischer Art (Stadt ohne Eigenschaften, graue Maus der Liga) mit ein paar kreativen Sprenkel (in Hannover an der Leine haben die Mädchen dicke Beine) zu finden sein müssten, da die Herthaner in ihrem Blog ansonsten eigentlich anders als auf dem Fußballfeld recht flüssig vor sich hinkombinieren und ich mich deshalb entsprechend vorfreute.

Die meisten der zehn Hassgründe kommen dann leider etwas sehr konventionell daher. Martin Kind und AWD sind böse, mit Thomas „Die Ratte“ Brdaric kommen die nicht als Fairplay-Meister in Betracht, die haben Hertha mit 0:0 ohne ersichtlichen Grund aus der Champions-League gemauert etc. Aber unter drittens fährt die Wilmersdorfer Witwe unter den Berliner Fußballvereinen dann die drei Punkte für die alte Reichshauptstadt ein: Die hannoversche Fankurve falle „vor allem durch homophobe und rassistische Sprüche auf.“ Klasse! Und außerdem schalten sie das Flutlicht ab, wenn ihre rassistischen Ausfälle zu nichts führen, möchte man hinzufügen. Diese Hertha-Jungs haben echt Humor, denke ich mir und denke im nächsten Moment schon wieder etwas anderes als ich mir die dem Artikel folgenden Scharmützel im Kommentarbereich mit orthographisch auf Attacke spielenden 96ern anschaue, nämlich dass das wohl alles gar nicht hintersinnig selbstironisch gemeint ist. Auch irgendwie komisch. Wir Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wär’n wir längst schon hannöversch schwarzweißgrün!

This is Merte’s Acker

So geht Abstiegskampf

Mirko Slomka spricht diese Woche offenbar nicht mit der hannoverschen Bild und begründet dies damit, dass er sich vor dem Gladbach-Spiel zu 100 Prozent um seine Mannschaft kümmern müsse. Dem ist Bild auf den Grund gegangen und hat Skandalöses zutage gebracht.

„Klingt nach totaler Konzentration aufs Gladbach-Spiel. Die Realität sieht ganz offensichtlich leider anders aus. Es geht eher leicht und locker zu bei den Roten. Ist DAS wirklich AbstiegsKAMPF? Der aktuellste Fall: Arnold Bruggink flog am trainingsfreien Montag mitten in der wichtigsten Phase der Saison mal eben zum Kurztrip nach Mallorca. Brug zu BILD: „Es war privat. Ein guter Kumpel von mir ist Vater geworden. Jetzt konnte ich mal hin.“ Ist DAS wirklich AbstiegsKAMPF? Auch wenn trainingsfrei war, kein Asche speiender Vulkan oder Streik den Rückflug verzögerte und Bruggink gestern pünktlich zum Training war – volle Konzentration auf eine entscheidende Woche geht anders.“

Und zwar so lieber Brug.

1. Beim Training Gras fressen, Gras fressen, Gras fressen. Daran denken wie hart Bild-Reporter Lars Beike für sein Geld arbeiten muss. Das Leben ist nicht leicht und locker! Gras fressen.

2. Folgende Standard-SMS im Bedarfsfall an Freunde und Bekannte senden:

„Herzlichen/s Glückwunsch/Beileid

zur (nicht) bestandenen Führerscheinprüfung/ Beförderung/ Entlassung/ (verfehlten) Weltumseglung/ sonstiger (Miss-)Erfolg

zu deinem/r Namenstag/ Geburtstag/ Verlobung/ Hochzeit/ Silberhochzeit

zur Geburt/ erfolgreichen Adoption deiner/s Tochter/ Sohnes

zum Tod deiner/s Schwester/ Mutter/ Oma/ Ehefrau/ Bruders/ Vaters/ Opas/ Ehemanns/ Meerschweinchens.

Dein guter Freund Brug“

3. DVD-Player, Playstation und Espressomaschine abstöpseln. Lenkt nur ab. Stattdessen stundenlang hassige “Artikel“ der hannoverschen Bild-Zeitung von der Ehefrau vorbuchstabieren lassen.

4. Zur Motivation sämtliche für die Roten erzielten Tore von Bild-Reporter und 96-Legende Lars Beike auf Video anschauen. Ja, alle sechs!

Die zwei Gesichter von Hannover 96?

Mirko Slomka sprach nach dem Debakel in München ratlos von einem „zweiten Gesicht“ der Mannschaft und konnte „diese Leistung nicht verstehen.“  Bevor es endgültig zu spät ist, wollen wir es ihm erklären.

„Die Mannschaft hat offenbar zwei Gesichter“, philosophierte Slomka nach der Rekordjagd von München vor sich hin. Diese Sichtweise ist in Hannover populär. Nach Punktgewinnen meint man stets ein kämpferisches, engagiertes 96 gesehen zu haben. Dagegen werden Niederlagen gerne der Selbstzufriedenheit und der Charakterlosigkeit der Spieler zugeschrieben. In Wirklichkeit hat die Mannschaft beim Debakel gegen Bayern, den Niederlagen in Dortmund und Stuttgart genauso wie beim Unentschieden in Hamburg stets dasselbe Gesicht gezeigt. Letztlich war diese Physiognomie der Mannschaft sogar bei den erfolgreichen Spielen gegen Freiburg, Frankfurt und Schalke deutlich erkennbar.

Insbesondere den scheinbar beherzten, kämpferischen Auftritt in Hamburg trennt bei näherem Hinsehen vom Bayernspiel nicht viel. Beide Male stand 96 sehr tief, beschränkte sich ausschließlich auf die Defensive und entwickelte praktisch keine Offensivaktionen. Selten kamen mehr als zwei, drei Pässe am Stück beim eigenen Mann an. Selbst bei formschwachen Hamburgern hätte die Doppelriegeltaktik eigentlich zu einer deutlichen Niederlage führen müssen, was sie auch getan hätte, wenn Aogo mit seinem Fernschuss in der ersten Halbzeit nicht nur den Pfosten getroffen hätte. In die Irre führte auch die Torschussstatistik. Zwar hatte Fromlowitz in der 2. Halbzeit – obwohl 96 weite Strecken in Unterzahl spielte –  keinen Ball aufs Tor bekommen. Dennoch war es in beiden Halbzeiten ein Spiel auf das Tor von Hannover 96. Trotz der Phantasielosigkeit des Hamburger SV kam es auch im zweiten Abschnitt zu einer Vielzahl gefährlicher Situationen vor dem Tor der 96er, während ein Treffer für die Roten eigentlich zu keiner Zeit im Bereich des Möglichen schien.

Schon gegen Schalke 04 konnte man sehen, dass diese Taktik bei Bayern München nicht gut gehen konnte. Den Zweitorevorsprung hatten die Schalker, nachdem 96 sie tief stehend zur zweiten Halbzeit empfangen hatte, schnell egalisiert. Insbesondere entstanden nach der Einwechslung Rafinhas ständig gefährliche Situationen auf der linken Seite der 96er. Wie sollte dies also gegen einen vom besten deutschen Außenverteidiger Philipp Lahm abgesicherten Arjen Robben in Weltklasseverfassung funktionieren? Dazu kommt noch die besondere Anfälligkeit der hannoverschen Innenverteidigung bei Standardsituationen, die nicht gerade für das Ermauern eines torlosen Unentschiedens sprach. Nicht zufällig begann der Torreigen mit einem auf eine Ecke folgenden Treffer. „Nichts haben die gemacht nach vorn“, wunderte sich selbst Ivica Olic, für den als Bayernstürmer defensiv eingestellte Auswärtsmannschaften an sich keinen großen Neuigkeitswert haben dürften. Bayerns Schwächen in der Defensive, an der weder Robben noch Ribery wirklich teilhaben, hat ja nicht erst ein Manchester United, sondern schon die mittelmäßige Frankfurter Eintracht aufgezeigt. Erlaubt sei daher zumindest die Frage: Verliert man eigentlich mit einer Harakiri-Offensiv-Taktik des Praktikanten von der 96-Geschäftsstelle bei Bayern München mit mehr als sieben Toren Unterschied?

Im Slomkaschen Riegel spiegelt sich ein typisches Denkmuster der 96er wieder, mit dem man im Abstiegskampf nicht bestehen wird. Weniger vertraut man auf die eigenen Fähigkeiten, vielmehr hofft man auf die glückliche Fügung der Dinge von außen. Sei es dadurch, dass die Konkurrenz über Wochen verliert, sei es durch einen glücklichen Führungstreffer, den man mit Glück und dank des gegnerischen Unvermögens über die Zeit rettet wie gegen Freiburg, sei es durch zwei Platzverweise für den Gegner wie gegen Frankfurt. Passivität prägt das 96-Spiel. So fragte man sich etwa in der Schlussphase gegen Frankfurt, wie viele rote Karten die Eintracht eigentlich bekommen muss, bis 96 selbst die Entscheidung sucht.

Wenn es schlecht läuft, wirkt die von Trainer und Mannschaft gelebte Passivität wie Arbeitsverweigerung. So stellte die „Süddeutsche Zeitung“ nach dem scheinbar teilnahmslosen Gekicke der Roten beim 0-2 in Stuttgart irritiert fest, 96 sei wie die erste Mannschaft der Bundesligageschichte aufgetreten, die sich nicht für Fußball interessiere. Diese Teilnahmslosigkeit ist aber keine Folge fehlender Einstellung, kein Zeichen mangelnden Einsatzes der Mannschaft. Sie entspricht eher der psychischen Lähmung eines Depressionskranken, der fürchtet, dass es mit jeder Bewegung nur noch schlimmer kommen könnte. Genau hier liegt auch das Versäumnis des Kölner Sportpsychologen Andreas Marlovits, dem es gemeinsam mit den Trainern offenbar nicht gelungen ist, bei der Mannschaft diese Denkmuster zu durchbrechen.

Angstbefreit ist 96 in der Rückrunde nur ganz selten aufgetreten. Gegen Wolfsburg spielte man engagiert, doch fehlte den Aktionen das Selbstvertrauen. Vom Heimspiel gegen Frankfurt blieben neben einer starken Anfangsphase die Minuten nach der ersten roten Karte in guter Erinnerung, in denen 96 entschlossen das 2-1 suchte. Hoffnung gibt aber vor allem die Schlussphase gegen Schalke, in der die Mannschaft sich aus ihrer Passivität, die ihr den Zweitorevorsprung gekostet hatte, zu befreien schien. Hier muss 96 in Leverkusen ansetzen. Ein löchriger Slomka-Catenaccio ist psychologisch Gift für diese Mannschaft, denn er vermittelt, dass 96 nur etwas zu verlieren hat. Schluss sein muss daher auch mit dem nervtötenden Gerede vom 0-0, bei dem jedes Spiel bekanntlich beginnt. In Leverkusen geht 96 mit einem 0-1 aufs Spielfeld und hat 90 Minuten Zeit, dies zu ändern.

Hmpffffffffff!

Kicker-Meldung von heute Abend:

„Hannover 96 muss im Endspurt um den Bundesliga-Klassenerhalt auf seinen Stürmer Arouna Koné und auf Spielmacher Elson verzichten. Das teilten die Niedersachsen am Dienstag mit. Beide Profis laborieren an Knieverletzungen, beiden droht eine Operation. „Leider ist die Prognose so, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit bis Saisonende ausfallen werden“, sagte 96-Trainer Mirko Slomka nach dem Dienstag-Training.“

Bitte wie? Ausfallen? Bis Saisonende? Elson und Koné? Halsschlagader tritt hervor, kann hier nicht irgendwas kaputt gemacht werden? Schuldiger wird gesucht. Medizinische Abteilung! Verwünschungen werden ausgestoßen, Verschwörungstheorien angedacht, wieder verworfen. Moment mal Slomka, das war doch nicht das erstemal, dass du Spieler zu früh wieder reingeworfen hast. Andererseits ohne Elson und Koné auch kein Sieg gegen Schalke, ohne Sieg gegen Schalke nächste Saison Paderborn. Überhaupt Schalke, ist Koné nicht beim Pfostenschuss dieser hässliche Schalker auf den Fuß gelatscht? Denke an Wurst-Uli, Schalke darf nicht Meister werden. Schiri, Gagelmann, Gagamann, DFB? Ach, auch Quatsch, Schuldigensuche muss vertagt werden. Hmpffffffffff!

Auf den kurzen Pfosten, mit Effet zum Tor

Kocka Rausch gäbe an sich Anlass über einige Dinge zu schreiben. Etwa über die technische Ausbildung von jungen Spielern in Deutschland im Allgemeinen oder bei Hannover 96 im Besonderen. An dieser Stelle soll nur Folgendes kurz notiert werden: Es ist verblüffend, dass mit Rausch jemand bei 96 die Ecken von der rechten Seite schießt, der dies offensichtlich nicht beherrscht. Wie lässt sich dies erklären?

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Interview mit Arnold Bruggink im Fanzine Notbremse.  Auf die Feststellung der Notbremse, dass sich die Gegner offenbar auf die Standardsituationen von 96 eingestellt haben, antwortet Brug:

„Ja, z.B. gegen Mannschaften wie Bremen, da steht mit dem Ersten in der Abwehr ein richtiger Großer mit 1,95 Meter und dann denkst du, macht das überhaupt Sinn den Ball auf den ersten Pfosten zu schießen, weil der Ball dann richtig gut kommen muss. Wenn der Gegner dann noch springt, dann schafft man das schon gar nicht mehr, da der Ball dann auch zu hoch fliegt und ganz einfach für den Torwart wird. Die Gegner stellen sich halt drauf ein.“

Außer Eckstöße auf den ersten Pfosten scheint 96 nicht viel im Repertoire zu haben. Auf den ersten Pfosten schlägt man die Bälle regelmäßig mit Effet zum Tor, was von der rechten Seite nur ein Linksfuß kann. Nach Djapkas Verletzung bleibt als Linksfuß neben Schulz, der bei Ecken im Strafraum benötigt wird, an sich nur Rausch. Der ist aber – auch weil sich die Gegner darauf eingestellt haben – technisch nicht in der Lage, diese Variante so perfekt auszuführen, dass sie dennoch gefährlich werden kann. 96 sollte daher dringend bei Eckbällen variabler werden. Ansonsten wird man sich weiterhin mit Eckstößen von der rechten Seite auf Kniehöhe abfinden müssen.