Einmaleins des Fanprotests

Stuttgart kann ihn, Nürnberg, Berlin, Köln sowieso. In Hannover war er nach dem 1-4 gegen den 1. FC Köln noch etwas ungelenk. Die Rede ist vom Fanprotest. Selbst in Hoffenheim weiß man mittlerweile, wie man seine Empörung über den lieblosen Umgang schnöseliger Fußballmillionäre mit dem ruhmreichen Erbe der TSG 1899 Hoffenheim angemessen zum Ausdruck bringt. Fans, die hier die Grundlagen nicht beherrschen, werden es in jeder Bundesligafankurve schwer haben. Zeit für ein Einmaleins des Fanprotestes.

1. Bei der letzten Auswärtsfahrt warst du wieder der Vollste, hast deine ganze Leidenschaft mit minutenlangen Dauergesängen gezeigt und dabei teilweise sogar anstrengende Verrenkungen gemacht. Die ganze Woche hast du dir seitdem die Finger für die neue Choreo wundgebastelt, auch jetzt tut dein Arm schon wieder vom vielen Fahneschwenken weh. Kurzum, du bringst Leistung, die Mannschaft muss Leistung bringen. Doch während der Capo dich wild gestikulierend zu weiteren Höchstleistungen anspornt, hat die Mannschaft nicht nur die letzten Spiele vergeigt, sondern liegt auch diesmal zur Halbzeitpause in Rückstand. Spätestens jetzt solltest du deine Jungs mit einem „Wir wollen euch kämpfen sehen“ daran erinnern, wofür du das von deinen Eltern schwer verdiente Geld ins Stadion trägst. Wiederholungen erhöhen übrigens auch bei Fußballern den Lernerfolg.

2. Dein Club liegt kurz vor Spielschluss hinten, heute wird das offenbar schon wieder nichts. Vergiss jetzt nicht, du bist Fan, Ultra, jedenfalls kein Kunde. Aber das heißt nicht, dass du für dein Geld keine Leistung sehen willst. Mach‘ das Vorstand und Mannschaft mit einem „Ohne Leistung keine Fans“ klar. Außerdem solltest du zu verstehen geben, dass du „die Schnauze voll hast“.

3. Treiben deine verbalen Leidenschaftsinjektionen die Mannschaft immer noch nicht nach vorne, kann es nur am nicht hunderzehnprozentigen Siegeswillen der Söldnerseelen liegen. Wieso sonst sollten die Millionäre deines Vereins gegen die Millionäre des gegnerischen Vereins verlieren? In diesem Fall solltest du mit einem „Scheiß Millionäre“ die Marktrichtigkeit der Spielereinkommen in Frage stellen.

4. Das Spiel ist aus, Niederlage. Tristesse Royale im Mittelfeld oder sogar noch schlimmer. Jetzt könntest du auf’s Spielfeld laufen und deinen Frust an einer Werbebande auslassen. Lass‘ das, denn für ein Stadionverbot reicht es schon, dass du dem kleinen Cousin der voranstürmenden Schlägervisage in der Halbzeitpause mal ein Calippo Cola mitgebracht hattest. Außerdem ist Gewalt auch keine Lösung. Besser solltest du deshalb die Abfahrt des Mannschaftsbusses blockieren und mit einem „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“ den Spielern aufzeigen, wann für dich das Tischtuch endgültig zerschnitten ist. Verlange auf jeden Fall die Partie mit dem Mannschaftskapitän oder dem Trainer ausgiebig zu analysieren. Geht man darauf trotz deiner Capoerfahrung bei der U23 deines Vereins nicht ein, stimme ein „Wir sind xy und ihr nicht“ an.

5. Du hast es gesehen, Udo Lattek hat es beim Krombacher-Fußballstammtisch gesehen, jeder hat es gesehen: Die Spieler wollen nicht, sind keine Mannschaft,  schielen doch sowieso nur auf den nächsten Vertrag, der die Loser noch reicher macht. Jetzt wird es Zeit, dass du die letzte Eskalationsstufe zündest, den Stimmungsboykott. Ohne deinen Support wird den Millionarios schnell klar werden, dass ihnen ihr Beruf, ja ihr ganzes Leben ohne deine Leidenschaft gar keinen Spaß macht. Im Großen und Ganzen müssen dir dabei drei Grundtypen bekannt sein. Erstens „Schweigender Fanblock“, zweitens „Mit dem Rücken zum Spielfeld stehender Fanblock“ und drittens „Verwaister Fanblock“. Denk‘ dran, Boykott meint eine gemeinschaftliche Verweigerungshaltung. Stelle also bei Variante drei sicher, dass sich nicht irgendwelche Kommerz- und Eventfans heimlich in den Block stehlen, um Fußball zu schauen.

Führen deine ganzen Proteste zu nichts, obwohl du diesen Leitfaden pingelig befolgt hast? Fühlst du dich umzingelt von Fußballmillionären und Eventfans, hat vielleicht sogar eine Fußballheuschrecke wie Dietmar Hopp deinem Traditionsverein die Seele geraubt? Bei Rasenball Leipzig ist bestimmt noch der Capo-Posten vakant.

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