blogstudio (2): Nightmare on Castroper Street

Am Samstag kommt es im Bochumer Ruhrstadion an der Castroper Straße zum Horrorschocker VfL Bochum gegen Hannover 96. Albtraum Niederlage im Endspiel um den Klassenerhalt, wer aus ihm aufwacht, ist wahrscheinlich in Liga Zwei.

Abstruser Abstiegskampf?

Während der Saison haben beide Mannschaften Misserfolgsserien produziert, die ihnen im Kampf um den Klassenerhalt normalerweise das Genick gebrochen hätten. Hannover 96 konnte nach dem 1:0-Sieg in Köln in 13 Spielen keinen Dreier einfahren, hat dabei angefangen mit dem Auswärtsspiel in Mönchengladbach neunmal am Stück verloren. Konkurrent VfL Bochum konnte seine letzten elf Matches vor dem Abstiegsendspiel nicht gewinnen. Hätte die Konkurrenz nicht genauso selten gepunktet, statt Endspiel um den Klassenerhalt ginge es für die Roten beim VfL Bochum nur noch um die schwarz-weiß-grüne Ananas.

Samstag 17:20 Uhr könnten eventuell schon schmale 31 Punkte für den Verbleib in der 1. Liga genügt haben. Der SC Freiburg konnte sogar – obwohl seiner Mannschaft regelmäßig die Bundesligatauglichkeit abgesprochen worden war – bereits am 33. Spieltag mit ganzen 32 Punkten den Klassenerhalt eintüten. Hertha BSC hat in der gesamten Saison bisher nur ein einziges Heimspiel für sich entschieden, schloss die Hinrunde mit mickrigen sechs Zählern ab und hatte dennoch am 32. Spieltag mit gerade einmal 23 Punkten noch eine kleine Chance auf den Klassenerhalt.  Der Abstiegskampf glich diese Saison über weite Strecken den Disziplinen der „Silly Olympics“ von Monty Python.

Täuscht dieser Eindruck oder wird die Spanne zwischen den Spitzenklubs und dem Rest der Liga tatsächlich immer größer? Muss man vielleicht sogar von einer leistungsmäßig zweigeteilten 1. Liga sprechen? Ja, sagen die „Fünf Freunde im Abseits“ und sehen eine „Liga der Erfolglosen“. Champions- und Europa-League sowie die eigentlich den Statuten der DFL widersprechende Subventionierung von Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim durch Weltkonzerne bzw. Mäzene hätten dafür gesorgt, dass sich ein illustrer Kreis gebildet habe, der die vorderen Plätze unter sich ausmache.

Jein, meint dagegen Christan Schulz in einem Interview mit dem Fußballmagazin 11 Freunde.

 (…) Für mich kommt das auch überraschend, vor der Saison hätte ich niemals damit gerechnet, mit 30 Punkten in der Liga zu bleiben. Generell ist die Spanne zwischen oben und unten zwar größer, die Leistungsdichte aber dennoch enger geworden. (…)
Wir stehen vielleicht unten im Keller und haben 30 Punkte Abstand auf einen Champions- League-Platz. Dennoch wären aber in der Lage, gegen Bayern und Bremen zu gewinnen und gegen Schalke haben wir gewonnen. In anderen europäischen Ligen ist der Gedanke illusorisch.

In der Tat ergibt sich bei genauerem Hinsehen ein differenzierteres Bild. Zwei oder drei dominierende Clubs gibt es in der Bundesliga nicht. Die maximal 70 Punkte, mit denen der FC Bayern die Deutsche Meisterschaft holen wird, sind ebenso wie die maximal 67 Punkte von Vizemeister Schalke 04 kein besonders herausragender Wert. Nicht völlig von der Hand zu weisen ist, dass es ein relativ geschlossenes Feld von Vereinen gibt, die um die internationalen Plätze spielen. Andererseits sind Stuttgarts maximal 57 Punkte am Saisonende für Platz sechs zwar gut, aber auch nicht völlig ungewöhnlich. Und kann man wirklich davon sprechen, dass ein Verein wie der VfB in die erweiterte Spitzengruppe einbetoniert ist, wenn er nach der Hinrunde noch auf Platz 15 gestanden hatte?

Trotz insgesamt spärlicher Punkteausbeute konnten die Clubs aus den Niederungen der Liga gegen Spitzenvereine durchaus Erfolge erzielen. Nicht nur verpasste Hannover 96 mit einem 4:2 den Meisterschaftshoffnungen von Schalke 04 einen herben Dämpfer. Auch Bayer Leverkusen kassierte seine erste Saisonniederlage am 25. Spieltag in Nürnberg. Zwei Spieltage zuvor hatten die Clubberer auch gegen Bayern München immerhin ein Remis erreicht. Freiburg hat aus den beiden Begegnungen mit Vizemeister Schalke 04 vier Punkte mitgenommen, auch Bochum hat gegen Spitzenteams gepunktet. Und Hertha BSC dürfte spielerisch – jedenfalls im Hinblick auf die Leistungen der Rückrunde – zu den stärksten Absteigern der Bundesligageschichte gehören.

Euer Dorf soll schöner werden: Aktion Rotes Ruhrstadion (mit schwarz-weiß-grünen Tupfern)

Dass die Roten zu einer „Liga der Erfolglosen“ gehören, wird die vielen ins Ruhrgebiet reisenden 96-Fans am Samstag nicht interessieren, solange sie nach 34. Spieltagen in dieser Liga wenigstens als Vizemeister hinter dem SC Freiburg reüssieren. Nach Berichten der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sollen 10.000 Fans die Roten nach Bochum begleiten. Neben den 3.800 Karten, die über Hannover 96 verkauft worden seien, seien 6.200 weitere Tickets aus dem Online-Shop des VfL Bochum in die Region Hannover gegangen. Ich bin angesichts der üblichen Übertreibungen des Zuschauerinteresses eher skeptisch. Auch vor Heimspielen werden regelmäßig Zahlen für die im Vorverkauf abgesetzten Tickets veröffentlicht, die sogar die spätere Zuschauerzahl inklusive an der Tageskasse verkaufter Tickets überschreiten.

Ich kann mich eigentlich auch nicht daran erinnern, dass die hannoversche Presse dies irgendwann einmal anders gehandhabt hat. Schon vor dem Pokalfinale 1992 überbot man sich meiner Erinnerung nach fast täglich mit der Anzahl erwarteter 96- Fans, 25.000, 30.000, 40.000 sollten es in Berlin werden. Am Finaltag war dann praktisch ganz West-Berlin voller Gladbach-Fans, viele von ihnen saßen sogar in der Hannover-Kurve. Das schallende „Hier kommt der VfL“ nach der Melodie „Those were the days my friend“ bekam man auf diesem Wege sogar in Stereo angeboten. Ein Schlachtruf, den Hannovers Fans danach viele Jahre nachahmen wollten, die Melodie dabei aber irgendwie nie richtig trafen. Aber ich komme vom Thema ab. Was ich nur sagen will, ärgert euch nicht, wenn es doch „nur“ 5.000 Rote in Bochum sein sollten. Mit ähnlich großer Unterstützung konnte Hannover 96 in der Saison 1993/94 im Essener Stadion an der Hafenstraße den Abstieg aus der 2. Bundesliga verhindern – eine der stimmungsreichsten Auswärtsfahrten, die ich mitgemacht habe. Die Überschrift „Euer Dorf soll schöner werden“ ist daher auch nur so mal eben provokant dahingeschrieben. Abstiegsendspiel im Ruhrpott hat Gesicht. Trotz Schalke und Dortmund ist der Fußball im Ruhrgebiet eigentlich nirgends so sehr bei sich wie in Bochum an der Castroper Straße. Sprocki, komm geh‘ mit, ich krieg‘ Appetit auf Currywurst – und ein Fiege-Pils.

Vorsicht bitte: Bochum kann Abstiegskampf!

Ich verstehe nicht, weshalb sich manche 96er bei VfL4u anmelden, um starsinnig gegenüber zweifelnden Bochumern darauf zu beharren, dass mindestens 50.000 Rote in Bochum einfallen werden. Liebe Leute, dadurch fährt nicht ein einziger 96-Fan mehr ins schöne Ruhrgebiet. Man hilft auf diesem Wege nur dem VfL, seine Fans zu mobilisieren. Nicht tagelanges Herumschwadronieren, sondern Shock and Awe wäre eigentlich für Samstag angesagt gewesen!

Wie man es richtig macht, zeigt Christoph Biermann, bekanntlich VfL-Fan, in seinem diese Woche bei SPON erschienenen Artikel „Böse Geister, grausame Dramen„.

„Und warum sollte dem VfL Bochum gerade gegen Hannover 96 ein Sieg gelingen, wo Spieler und Fans nun schon verzweifelt seit elf Spielen darauf warten und in dieser Saison bereits der vierte Trainer an der Mannschaft herumdoktert? Zumal sich Gegner Hannover beim 6:1-Sieg über Mönchengladbach in Rausch und völlige Befreiung spielte. Das sieht nach Hannoveraner Selbstbewusstsein in Überfluss und einer klaren Sache aus.“

Warum dem VfL gegen 96 ein Sieg gelingen sollte? Zum Beispiel weil die hannoverschen Krisenreaktionskräfte schon in der Hinrunde die Bochumer Krise beendeten und sich auch andere Krisenclubs gegen Hannover 96 ihren Frust von der Seele spielen konnten. Aber dies weiß Biermann natürlich selbst, Abstiegskampf beherrscht er einfach aus dem Effeff und möchte es sich und dem VfL bis Samstag in der Underdog-Position gemütlich machen. Auch ein kurzer Blick auf die Wettquoten zeigt, dass Hannover 96  trotz des grandiosen 6:1 gegen Mönchengladbach keinesfalls als großer Favorit ins Endspiel um den Klassenerhalt geht. Bwin sieht beispielsweise den VfL bei Quoten von 2,30:3,40:2,85 leicht favorisiert.

Der böse, schwarze Mann

Für Bochum ist Abstiegskampf alltäglich. Darauf baut nicht nur Christoph Biermann, sondern auch Hermann Gerland, der dem VfL natürlich die Daumen drückt. Angst ist dennoch nicht angesagt. Bochum hat Erfahrung im Abstiegskampf, aber auch im Absteigen. Die Zeit der Unabsteigbaren ist schon lange vorbei. Hannover 96 hat sich am Samstag gegen Gladbach von allen negativen Gedanken befreit. Die Konzentration ist da, die Jungs wissen was sie tun.  Am Ende des Tages wird Bochum aus einem Albtraum an der Castroper Straße aufwachen, in dem der VfL dem bösen, schwarzen Mann begegnet ist.

One, two, Didier’s coming for you
Three, four, better lock your door

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