3:0-Sieg im Abstiegsendspiel – Oh 96 olé, du wirst niemals untergehn

 

Hannover 96 besiegt im Abstiegsendspiel im Bochumer Ruhrstadion den VfL mit 3:o und wird die neunte Saison hintereinander in der 1. Bundesliga spielen. Oh 96 olé („allez“ für alle frankophilen Ultras), du wirst niemals untergehn – eine Art Stimmungsbericht.

Bochum, ich komm‘ zu dir

Ankunft Bochum Hauptbahnhof. Erster Eindruck, erschreckend was 50 Jahre Sozialismus anrichten können. In der Fußgängerzone haben sich die 96-Fans mit Moritz Fiege verabredet, zu Currywurst mit Pommes spielt eine Big-Band Schlager aus Sprockis Jugend. Eine Vorbesprechung des Abstiegsendspiels mit sturzbetrunkenen Ostfriesen scheitert schon daran, dass diese sich nur noch auf Platt halbwegs verständlich machen können. Es bleibt daher auch ungeklärt, ob sie sich nicht eigentlich beim Spiel von Werder Bremen gegen den Hamburger SV wähnen.

Nille B. dreht den Scheinwerfer - Kocka Rausch zu schwach, Cash Flow nicht bekannt, Pommes lecker. Aber unsere ostfriesischen Freunde verstehen ihn schon längst nicht mehr.

Währenddessen frönt die niedersächsische Jugend ihrer wiederentdeckten Lust am organisierten Aufmarsch. Der Marsch durch ein vom Strukturwandel gebeuteltes Bochum zeigt: Erst sterben die Zechen, später folgen die Trinkhallen. Besser schnell ins Stadion.

Keine Arbeiter, kein Durst, keine Trinkhalle. Entsteht hier vielleicht bald ein Trinkhallenmuseum?

Im Ruhrstadion

Im Ruhrstadion feuert eine „rote Wand“ von der Westtribüne aus die 96er an, Tausende tragen rote T-Shirts mit dem Aufdruck „Gemeinsam für die 1. Liga“. Nur noch Erbsenzähler interessiert, ob es mehr als 10.000, vielleicht sogar 12.000 Fans sind, die Hannover 96 im Bochumer Ruhrstadion unterstützen. Für diesen Blog wurde allerdings Pedanterie versprochen, daran will ich mich auch festhalten lassen – Fan-Chronisten können meiner Meinung nach mit gutem Gewissen von 8.000 mitgereisten Fans von Hannover 96 berichten. Wer mir jetzt entgegen schreit: „Bei der Aufstiegsfeier des FC St. Pauli auf der Hamburger Reeperbahn haben sie sogar Partyvolk, Touristen, Obdachlose und Nutten mitgezählt, da dürfen wir Hannoveraner ja wohl wenigstens den Berichten der deutschen Qualitätspresse Glauben schenken“, dem antworte ich: „Aber bitte schön, bin schon überzeugt“.

Einen Heimvorteil haben die Bochumer an diesem Samstag jedenfalls nicht. Von einer wirklichen Unterstützung der eigenen Mannschaft kann man nur bei den Hannoveranern sprechen. Roland Zorn stellt in seinem Artikel  „So schön, so traurig“ fest:

„In Bochum wurde im Gegensatz zur zerstörerischen Untergangsstimmung beim VfL zumindest sichtbar, wie eng für den Augenblick der Schmerz über Enkes Tod die Anhänger des norddeutschen Traditionsvereins und die Spieler hat zusammenrücken lassen. Die „rote Wand“ auf den Rängen des mit knapp 31.000 Zuschauern ausverkauften Bochumer Stadions war am Samstag für die positive Atmosphäre alleinzuständig.“

„Kaltblütig und entschlossen setzt sich 96“ (FAS) von konfus spielenden Bochumern in der 1. Halbzeit durch Treffer von Bruggink, Hanke und Pinto mit 3:0 ab.

Als der Bochumer Stadionsprecher in der Halbzeitpause den Klassiker „Gimme hope Joanna“ einspielt, kann man auf die Idee kommen, dass er damit das Motto für den zweiten Durchgang vorgeben will. Während VfL-Coach Wosz für die zweite Halbzeit neben Lewis Holtby auch Joël Epalle bringt, nehmen die Bochumer Fans dagegen den Ball nicht auf, um ihn mit einem „Gimme hope Joël“ zurückzuspielen. Dafür ist die Atmosphäre auf der Osttribüne zu destruktiv. Stattdessen singen und wippen die Fans der Roten wunderbar fröhlich-(sinn)befreit mit.

Auch die Einwechslungen von Epalle und Holtby können die deutliche Führung der Roten in der zweiten Halbzeit nicht gefährden. Die wenigen brenzligen Situationen entschärft ein immer sicherer werdender Florian Fromlowitz bravourös. Bochum verkrampft zusehends, 96 kann das 3:0 fast schon locker über die Zeit bringen.

Ohne die Wintereinkäufe Elson und Koné sichert damit eine Mannschaft den Klassenerhalt, die nach der Meinung der hannoverschen Presse mit Robert Enkes Tod im metaphorischen Sinne ebenfalls gestorben sein sollte. Neben den Hoffnungsträgern für die Zukunft Manuel Schmiedebach und Didier Ya Konan sind vor allem die von manchem bereits abgeschriebenen langjährigen 96-Recken wieder quicklebendig. Schon das 3:2 von Hanno Balitsch im Heimspiel gegen Schalke 04 war „Conditio sine qua non“ für den Klassenerhalt. In Bochum bereitet Balitsch zudem das 1:0 vor und beweist, dass er nicht nur ein Führungsspielerdarsteller, sondern ein echter Leader ist. Mike Hanke zerreißt sich gegen Gladbach und Bochum, trifft zweimal und beschämt jeden, der ihm in der Vergangenheit mangelnde Einstellung vorgeworfen hat. Steven Cherundolo spielt endlich nicht nur Alibifußball, übernimmt Verantwortung, so dass in Bochum erstmals nach langer Zeit laut und voller Überzeugung „USA“-Sprechchöre aus der Fankurve kommen. Mit Bänderriss kämpfte Sergio Pinto geradezu heroisch gegen den Abstieg, mit lässiger Selbstverständlichkeit schlenzt er gegen Bochum den Ball zum 3:0 ins Netz. An den unbeherrschten „Platzverweis-König“ Pinto kann sich kaum noch jemand erinnern.  Auch ein bereits als Fehleinkauf abgestempelter Mario Eggimann scheint plötzlich mit sich im Reinen und hält gemeinsam mit Karim Haggui die hannoversche Hintermannschaft derart gut zusammen, dass Ottmar Hitzfeld ihn in den 30-köpfigen vorläufigen WM-Kader der Schweizer Nationalmannschaft beruft. Und was soll man noch zu Onkel Brug sagen? Volleytreffer zum 1:0, gedankenschnell auf Hanke zum 2:0 abgelegt. Danke Arnold. Die 96-Fans sind stolz auf ihr Team aus Hannover.

Als nach dem Spiel die Mannschaft in Gedenken an Robert Enke ein schwarzes Banner ausbreitet, kann man förmlich mit den Händen greifen, wie sehr die Spieler unter dem Verlust ihres Kapitäns gelitten haben. Das erste Mal seit seinem Tod skandieren 96-Fans den Namen ihrer Nummer 1. „Robert Enke, du bist der beste Mann“, rufen Tausende und die Mannschaft stimmt ein. Der graue Schleier der Traurigkeit scheint zerrissen. Mit Robert Enke in ihren Herzen kann die Mannschaft jetzt weitergehen. Markus Lotter schreibt dazu in der Berliner Zeitung vom 10. Mai 2010:

„Noch ein Mal und wahrscheinlich war es das letzte Mal, rückten die 96er nach dem 3:0 gegen den VfL, das den Klassenerhalt bedeutete, das Gedenken an Robert Enke in den Mittelpunkt ihrer Gemeinschaft. „Robert R.I.P.“, Robert Rest in Peace, Ruhe in Frieden, war auf einer Banderole zu lesen, was als Widmung, aber auch als Botschaft verstanden werden sollte. Die Botschaft: Seht her, wir werden unseren früheren Kollegen niemals vergessen! Und doch ist man an einem Punkt angelangt, an dem eine Zukunft ohne den früheren Kollegen denkbar ist.“

Den starken Zusammenhalt in der Mannschaft betont 96-Trainer Mirko Slomka in der Pressekonferenz nach dem Spiel. Gemeinsam habe man gekämpft, gegenseitig Fehler ausgebügelt, immer wieder sei das Team nach Rückschlägen in dieser Saison zurückgekehrt. Neben ihm sitzt mit Tränen in den Augen ein am Boden zerstörter Trainernovize Wosz, der sich ob des aus seiner Sicht fehlenden Einsatzes seiner Mannschaft schockiert zeigt. Schon während des Spiels hatte Wosz an der Seitenlinie konsterniert ins Leere geschaut. Ein irgendwie merkwürdiger Auftritt. Entweder Wosz möchte sich nach seinem planlosen Trainerintermezzo möglichst schnell selbst aus der Schusslinie nehmen. Dafür spricht, dass Wosz für meinen Geschmack etwas penetrant das Klischee der treuen VfL-Ikone bedient, die von Söldner-Fußballern im Stich gelassen worden ist. Oder die VfL-Mannschaft ist tatsächlich ein charakterloser Haufen. Dann haben die Bochumer aber mit der von der Mannschaft forcierten Entlassung Heiko Herrlichs so ziemlich alles falsch gemacht. Nicht unser Problem. Um mit Mirko Slomka zu sprechen: „Gestatten Sie uns ruhig, dass wir heute Abend noch ein bisschen feiern.“

Der perfekte Trainer für den VfL Bochum? Der gemeinsame Sohn von Christoph Daum und Peter Neururer führt seinen Cocker Spaniel in der Bochumer Fußgängerzone spazieren (unten, nicht im Bild) und hat dabei die linke Hand lässig in der Hosentasche.

Bochum, ich fahr‘ weg von dir

Während im Mannschaftsbus, dirigiert von Florian Fromlowitz, von 91 bis zur 96 hochgezählt wird, machen sich tausende Hannoveraner in Sonderzügen auf den Weg in die Landeshauptstadt. Nach der Rückkehr wird der HSV von 1896 am Hannoverschen Hauptbahnhof besungen. Ich behaupte, dass die Fans bei ihrer Ankunft mit Blumen und Applaus begrüßt werden, dass manchem Heimkehrer von älteren Männern, die in den 1960er Jahren selbst regelmäßig zu 96 gegangen sind, mit Tränen in den Augen anerkennend auf die Schulter geklopft wird.

Fanmagazin-User MiNiJo war dabei

Bei einer spontan organisierten Klassenerhaltsparty im Niedersachsenstadion pogen die Spieler vor wohl über 10.000 Fans. Djakpa verkündet, dass er auch nächstes Jahr für Hannover 96 spielen wird. Nicht auf so eine gönnerhafte Art und Weise wie dies wahrscheinlich bald Franck Ribery bei den Bayern tun wird, wenn die europäischen Großclubs für ihn keine Verwendung haben. Vielmehr freut sich Djakpa über die Nachricht selbst am meisten und die 96-Fans freuen sich mit ihm. „Oh 96 allez, du wirst niemals untergehn“ als Afroversion. Unschlagbar!

In Hannovers Kneipen wird der Klassenerhalt ausgelassen gefeiert. In der Kölner Kicker-Kneipe „Grünfeld“ werden derweil die traurigen Reste der einst stolzen Bochumer Osttribüne zwischen Bar und Kickertisch gekesselt und aufgerieben. Zuvor war schon in „Gottes Grüner Wiese“ Umerziehungsarbeit geleistet und geschlagenen Bochumern indoktriniert worden, dass nur Hannover 96 niemals untergehn wird. Auf dem Fußballplatz, auf den Rängen, an der Bierflasche und am Kickertisch. An der totalen Dominanz der Hannoveraner hätte sogar Louis van Gaal seine Freude gehabt.

Gegen die deutsche Krökelhauptstadt mussten VfL-Fans auch beim Tischfußball zwangsläufig den Kürzeren ziehen.

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