Schwarz-Weiß-Gründonnerstag in Berlin

Ödeste Meinung der Saison? Es kann einfach nicht angehen, dass 96 in den Europapokal stürmt und trotzdem sein Stadion nicht vollkriegt. Wer solche Meinungen hat, kann diese wirklich besser für sich behalten. Viel schöner ist da etwa die Meinung, dass Eintracht Braunschweig der schlechteste Deutsche Meister der Fußballgeschichte ist. Obwohl das streng genommen überhaupt keine Meinung, sondern Statistik ist. Aber dies nur by the way, wie man bei international spielenden Clubs sagt.

Jedenfalls in Neukölln, dort also wo in der Berliner Trümmerlandschaft hannoversche Trümmerfrauen als junge Familienväter  „in mühevoller Kleinstarbeit“ (zu Guttenberg, Bundestagsdrucksache 16/1254, Seite 13) ihr Niedersachsenstadion aus dem Boden gestampft haben, wird die abseitig-perverse Vorliebe für Hannover 96 langsam zum Gigatrend. Ausverkauft prangt es hier immer öfter in güldenen Lettern über dem Eingang, wie es bei ausverkauften Stadien seit jeher so Sitte ist. Als großer Freund der Stadionkasse (Länderspielkulisse in Hannover, das Spiel musste wegen des großen Andrangs an den Stadionkassen mit einer viertel Stunde Verspätung angepfiffen werden) schaut man da ein wenig betreten. Ungewollte Nebenwirkung des sexy machenden Erfolgs sind zudem Leute, die zunächst denken und dann sagen: „Bin ja eigentlich für Freiburg, aber hier bei den Hools, Ultras und Fußballverbrechern in der Hannover-Kneipe halte ich heute besser mal zu 96.“ Okay, das mit den Hools und so habe ich mir ausgedacht. Muss aber trotzdem nicht sein, denn Toleranz tut dem Spiel nicht gut.

Mit Nachdruck zu begrüßen ist hingegen, dass gegen Freiburg wieder fleißig hannoversches Brauchtum studiert wird. Vorne am Tresen thront der Lüttje-Lage-Silberrücken, Technik einwandfrei. Mancher Jungspund kleckert sich den Schnaps noch über Kinn und Pulli. Andere beugen dem vor, indem sie den Mund sperrangelweit aufreißen und sich die Traditionsplörre direkt in den Rachen gießen. So doch eigentlich nicht, weiß der Kenner. Ist aber auch nicht schlimm, ein aufmunternder Klaps und weiter geht’s.

Wie komme ich jetzt von Lüttje Lage zurück zum Fußball? Zum Beispiel so: Jan Schlaudraff wird jetzt von dem einen oder anderen der Mönch gerufen. Das ist nicht ganz so bemüht volkstümlich wie Prinz Poldi, aber auch nicht wirklich originell. Originalität wird aber sowieso überbewertet, weshalb ich noch einen draufsetze: Ganz starke Leistung vom Mönch, Vertrag unbedingt verlängern. Und wenn Schmadtke gerade neue Verträge aufs Diktiergerät nuschelt, dann gleich auch noch einen für Altin Lala aufsetzen. „Das kommt ja wohl auf die Vertragskonditionen an, du hohle Nuss“, wird mit zärtlich zugeflötet? „Das interessiert mich nach den Spitzenleistungen von Schlaufi und Altin aber noch weniger als die Energiebilanz des Badenova-Stadions“, kontere ich in weniger als 10 Sekunden. Stattdessen summe ich lieber noch etwas „96, alte Liebe“ mit, welches pflichtschuldig nach dem Schlusspfiff aufgelegt wird. Altin Lala im Interview? „Leute, summt doch nicht so laut.“

Sky-Reporter (kenntnislos): Sag mal wo kommst du denn her?
Altin (höflich): Aus Albanien, bitte sehr.
Sky-Arsch (frech): Seid ihr alle dort so klein?
Altin (selbstgewiss): Wir woll’n gar nicht größer sein.
Niedersachsenstadion: Altin Lalalalalalalalalala…..

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3 Gedanken zu „Schwarz-Weiß-Gründonnerstag in Berlin

  1. 96 greift nach der Quasi-Schale und der Richie kommt wieder mit dem ewigen Taditionsaufsteiger aus dem Niedersächsischen Hinterland. War klar, geht jedoch am Thema vorbei, skandalös ist doch eigentlich, dass die Eintracht nicht der Deutsche Meister mit dem schlechtesten Zuschauerschnitt aller Zeiten ist! Das soll mir mal einer erklären!
    Ist ja schön und gut, da in Berlin-Mitte (sic!) zwischen dem „Tacheles“ und dem American Apparel Flagship-Store ein bisschen Fussball zu schauen, wenn nicht grad woanders Bayern läuft. Aber das authentische 96-Feeling kommt doch eher auf, wenn der Wirt in der Kneipe in der Kölner Südstadt das ewig junge Duell zwischen 96 und Freiburg am Gründonnerstagabend einfach mal vergessen hat, nur auf Gebettel von mir und dem mitgebrachten Fankollegen aus Neustadt widerwillig den Fernseher ohne Ton anmacht und zeitgleich ein Kölsch-Polka Konzert stattfindet. Die Combo auf der Bühne hatte sich anlässlich der jüngsten Ereignisse hier eigens in „Schäfers Jeissböck“ unbenannt und Scharen ältlicher Frauen mit Rot-Weissen Schals und mit Wappen bemalten gebräunten Runzelgesichtern johlten dem unverständlichen Humta Humta zu, während wir uns verzweifelt auf die überfallartigen Konter eines Altin Lala zu konzentrieren versuchten. KEINE SAU interessierte sich in der Ubier-Schänke fürs Spiel, ich fühlte: Das ist doch noch mein Verein. Aber meine lange unter Kontrolle befindliche Köln-Allergie meldetet sich deutlich durch ein Jucken im Schritt zurück. Der Service hakte auch, es dauerte bestimmt gute zwei Stunden, bis wir die 40 Kölsch Grenze kancken konnten. Was ich sagen will: Während sie in Villariba noch über die Eventfans motzten, haben sie in Villabacho schon „Europapokaaaaal“ über den Chlodwigplatz gegrölt. So wirds gemacht. Und dann haben wir noch den dritten anwesenden Fan der Roten kennengelernt, der so plastisch die letzte Europapokalauslosung unter Beteiligung von 96 schildern konnte, dass man die letzten beiden Kugeln in der Lostrommel quasi fühlen konnte, die unweigerlich ein Duell gg die einzige andere Bundesligamannschaft bedeuteten. Schiebung? Ja sicher. Aber egal, jetzt Dnjpr Dnjpropetrowsk und der Richie ist dabei.

    • Wir wollen ja keine Unwahrheiten verbreiten. Der schlechteste Deutsche Meister der Fußballgeschichte (wobei ich bitte, diese Beschreibung umfassend zu verstehen) ist nicht zugleich auch der Meister mit dem schlechtesten Zuschauerschnitt aller Zeiten. Er hatte vor der Meistersaison im Spieljahr 1965/66 einfach nur den schlechtesten Zuschauerschnitt der ganzen Bundesliga, während H96 nach seinem Aufstieg sowohl 1965 als auch 1966 der Nummer-1-Zuschauermagnet der Bundesliga gewesen ist. Eine Tatsache, die den Mafiosis von der Otto-Fleck-Schneise, die den Weltmeisterbesieger von 1954 bei Bundesligagründung bekanntlich aus politischen Gründen ausgebootet hatten, noch heute die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte. Nachdem sich auch in den Folgejahren kein Arsch für das Gebilde aus dem Zonenrand interessiert hatte, stieg das Zuschauergift der Bundesliga dann 1973 endlich ab: Ganze 12.000 Hirnverbrannte und andere Sonderlinge wollten dies noch sehen. Seitdem fristet es ein trauriges Dasein. Ein geistig umnachteter Paul Breitner schaute dank Jägermeister-Mios noch einmal kurz vorbei, kaufte sich einen Gastronomiebetrieb und dampfte wieder ab. Ende, Licht aus, das war’s mit der ganzen so genannten Historie. Wer übrigens diese kurzen Zeilen gerne als Vereinschronik des – ich sag‘ es jetzt einfach mal – BTSV veröffentlichen möchte, bitte schön.

  2. Geschichtsschreibung in Form der Vereinschronik ist natürlich, wie auch die oben bemühte Statistik, ein ehrbares Handwerk, darf aber nicht zum Selbstzweck werden, sondern muss immer einem höheren Nutzen dienen. Darum möchte ich dem Gesagten folgende biographische und mathematisch-stochastische Korrekturen und Details ergänzend hinzugügen:
    Im Juni 1985 war ich in erstmals im Stadion an der Hamburger Straße, um dort freudig erregt Zeuge zu werden, wie die Eintracht gegen den Meister aus München 0:1 verliert und als abgeschlagener Tabellenletzer hochverdient absteigt. Das Spiel gegen die Bayern muss als relativer Erfolg der Braunschweiger gewertet werden, da es der Eintracht in dieser Saison unter anderem gelungen war, 10:0 bei Borussia Mönchengladbach zu verlieren und mit dieser doppelstelligen Schlappe einen unrühmlichen Platz in jedem Kicker-Sonderheft zum Bundesligastart zu ergattern. Erst an diesem Tag begann der beispiellose Niedergang der Blau-Gelben, der sie nicht wieder in Oberhaus der Liga geführt hat. Der schmähliche Irrtum von ’63 war beseitigt.
    Allerdings hat die Elf um Ronald Worm in diesem Seuchenjahr die andere Eintracht aus Frankfurt mit sage und schreibe 5:0 aus dem Stadion geschossen, was jawohl Bände spricht über diese unwürdige Truppe. Jedenfalls hätte die Eintracht aus Hessen ohne diese Niederlage addiert zu den in dieser Spielzeit erlittenen Prügeln nicht mit 550 Bundesliganiederlagen die meisten Niederlagen aller Mannschaften die je in der höchsten Spielklasse waren und dürfte nicht von mir ungestraft als der schlechteste Bundesligist aller Zeiten beschimpft werden. So allerdings schon: Schlechtester. Bundesligist. Ever.
    Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass ich damit sowohl für das Siechtum in BS als auch für den bevorstehenden Abstieg der Frankfurter allein verantwortlich zeichne. Dank mir nicht, ich habe es für 96 getan.

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