TeBe rockt! Gegen- oder Eventkultur?

Vor etwa einem Jahr stolperte ich verwundert das erste Mal in Friedrichshain über „Save-TeBe-Plakate“ – unter diesem Motto versuchen die Lila-Weißen, wie man Tennis Borussia Berlin in der Hauptstadt auch nennt, angelehnt an die Retteraktion des FC St. Pauli den Fortbestand ihres Vereins zu sichern. TeBe, dachte ich mir damals, ist das nicht der Verein ohne Fans, der in diesem atmosphärebefreiten Stadion irgendwo in Charlottenburg spielt und den die Göttinger Gruppe in den 90er Jahren mit ihrem mühevoll ergaunerten Geld in die Champions-League katapultieren wollte? Wie will denn dieser abgestürzte Hedgefonds unter den Berliner Fußballvereinen im sich gerne antikapitalistisch gebenden Friedrichshain seine Retter finden?

Was an mir da alles vorbeigegangen war, bekam ich am Pfingstsonntag im Ludwig-Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg zu sehen. Dorthin hatte TeBe für das Relegationsrückspiel gegen Borea Dresden (1:2 n.V., TeBe ist damit nach der 0:1 Hinspielniederlage aus der Oberliga in die sechstklassige Berlin-Liga abgestiegen) ausweichen müssen, weil das heimische Mommsenstadion wegen der Frauen-Fußball-WM nicht zur Verfügung stand. In Deutschlands Stadien wird man normalerweise entweder von Status Quo oder von ACDC zugedröhnt. Bei TeBe hätte ich eine Tendenz zu Status Quo erwartet, aber nichts da, die Lila-Weißen pogten „TeBe rockt“ zu „Hey!Ho!Let’s go“ von den Ramones. Okay, sie pogten vielleicht nicht, aber sie wippten immerhin ein wenig. Jedenfalls war das musikalische Rahmenprogramm das Beste, was ich jemals in einem deutschen Stadion auf die Ohren bekam. Überhaupt zelebriert man die Verbindung von Fußball und Pop hier aufs Feinste, etwa unterstützen verschiedene Bands die Aktion „We Save TeBe“.

Darüber hinaus engagiert sich TeBe für den Erhalt des Schokoladen, einem alternativen Kunst- und Kulturprojekt in Berlin-Mitte, welches – wie soll es anders sein – immer wieder von der Schließung bedroht ist. Zeitweise hatte man mangels Trikotsponsor den Schriftzug „Schokoladen bleibt“ sogar auf der Brust getragen. Zudem wird TeBe von Fans des absolut unanfechtbaren Old-School-Clubs Altonaer FC von 1893 unterstützt. Ebenso wie die Hamburger Vorbilder Pauli und Altona zeigt man sich bei den Lila-Weißen anglophil, feuert die Mannschaft mit dem ein oder anderen englischen Schlachtruf an, singt „God save TeBe“ zur Melodie der englischen Nationalhymne. Das alles gefiel mir natürlich sehr und deshalb schob ich gut gelaunt die wie immer auf der Nase etwas herabgerutschte Hornbrille wieder ein Stück nach oben.

Andererseits kann dieser feuchte 11-Freunde-Abonnenten-Traum auch ziemlich nerven. Gegen Antisemitismus, Rassismus und Homophobie –   an den Zaunfahnen der Lila-Weißen hätte die Antidiskriminierungsstelle des Landes Berlin ihre helle Freude. Nur gegen schlechten Fußball hat man offenbar nichts einzuwenden.


Der Image-Relaunch der Lila-Weißen wirkt zudem teils etwas wahllos zusammengeschustert. Die Fanschals mit dem Aufdruck des Millwall-Gesangs „No one likes us, we don’t care“ passen ja wohl eher zum BFC Dynamo und nicht zu einem auf der Paulischiene um Sympathie heischenden Club wie TeBe. Keiner komme mir bitte damit, dass in den Neunzigern nun wirklich niemand TeBe gemocht habe – allen mir bekannten Fußballfans ist TeBe schlichtweg gleichgültig gewesen. Die T-Shirts mit der Aufschrift „West-Berliner Schnösel“ sind auch eine schöne Idee, gehen aber nicht so richtig mit dem Gegenkultur-Image zusammen, welches man sich geben möchte.

Betreibt TeBe im Ergebnis nicht eigentlich auch schnöde Markenbildung, wenn man sich „Schokoladen bleibt“ auf die Trikots druckt, tut dies nur etwas geistreicher als Martin Kind, wenn er ganz offen darüber sinniert, dass Hannover 96 eine nationale Marke werden müsse? Hat nicht etwa der zum Vorbild genommene FC St. Pauli nur am besten begriffen, wann ein Stadionbesuch für viele Zuschauer ein gelungenes Fußballevent ist? Und ist damit nicht der Gegenentwurf zum modernen Fußball selbst sein eigentlicher Inbegriff? Ja sicher, wird man darauf wohl antworten müssen. Ob man dies schlecht finden soll, kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann: Ich finde gut, wenn nach Schlusspfiff, wenn alles verloren und der eigene Verein in der Bedeutungslosigkeit der Berlin-Liga versunken ist, „Don’t look back in anger“ von oasis gespielt wird.

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5 Gedanken zu „TeBe rockt! Gegen- oder Eventkultur?

  1. Klasse – ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Irgendetwas passt bei TeBe vorne und hinten nicht, was auch ihre Imagekampagnen nicht wett machen können.

  2. Zwiespältiges Fazit, aber aus TeBe-Perspektive liest sich das trotzdem ganz positiv. Die Aussage, dass TeBe während der 90er den meisten Fußballfans egal war, kann ich aus eigener Erfahrung allerdings nicht unterschreiben. Das Projekt der Göttinger Gruppe war der Fußballszene damals ebenso wenig gleichgültig wie eine Dekade später Red Bull und Hoffenheim. „No one likes us“ hatte insofern schon seine Berechtigung, natürlich auf einer anderen Schiene als im Fall von Millwall oder dem BFC. Wobei der Gesang bei TeBe auch eher über den Umweg St. Pauli adaptiert wurde, welches während der 90er schon ein gewisser Orientierungspunkt war.

    Ob da ein Image zusammengeschustert wird, weiß ich nicht. Sicher richtig, dass viele in sich widersprüchliche Fragmente (Schnösel/Zecken) aufeinanderprallen,. aber m.M. nach ist genau das das Charakteristische an TeBe, dass sich der Club und die Fanszene nicht auf irgendein Klischee festnageln lassen und man sich einen Spaß draus macht, mit diesen Kategorisierungen zu spielen. Die eine Hälfte des Blocks brüllt „wir kommen aus dem Osten und leben auf eure Kosten“, während ein paar Meter weiter „Oh Westberlin“ gesungen wird.

    Die Formulierung „Feuchter Traum des 11-Freunde-Abonnenten“ ist ganz witzig, wobei davon im Mommse eigentlich nicht viel zu spüren ist. Union scheint bei dieser Klientel momentan deutlich eher hip zu sein, mit der Verdoppelung seiner Zuschauerzahlen seit der Renovierung des Stadions durch die Fans, womit man imagetechnisch ja einen Riesensprung machen konnte. Und ich denke, dass TeBe ein bisschen Hype durchaus brauchen kann, um nicht völlig vor die Hunde zu gehen. Ein Stammpublikum in der Größenordnung und Zusammensetzung vom Sonntag wäre jedenfalls schon was Feines…

  3. Danke für Eure Kommentare.

    In der Tat ist mein Eindruck von TeBe’s Fanszene am Sonntag zwiespältig gewesen. Auf der einen Seite finde ich es natürlich auch klasse, wenn im Stadion über mir nicht die ganze Kommerzsoße ausgegossen wird. Auf der anderen Seite hatte ich ein wenig das Gefühl, dass die alte Charlottenburger Tante TeBe von ein paar Fußballromantikern gehijacked wurde und nun mit aller Macht auf rockig getrimmt werden soll. Das erinnerte mich ein wenig an die Geschichte mit den Ultras von Nordkaos, die jetzt bei Victoria Hamburg die Rentner schocken.

    Ich kann hier aber auch ordentlich daneben liegen und einfach nur nicht mitbekommen haben, dass TeBe schon immer eine kleine, aber feine Variante des FC St. Pauli aus der Hauptstadt gewesen ist. Vielleicht ist es aber auch sowieso egal, was TeBe’s Geschichte dazu hergibt. Denn warum soll man immer nur darauf starren, wie ein paar Typen 1896 oder bei Euch 1902 so drauf waren und nicht neue Traditionen begründen? Daran muss sich ein konservatives Fußballfangemüt nur erst gewöhnen.

    Unterm Strich hat mir TeBe am Sonntag Spaß gemacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass für TeBe im Berliner Fußball eine gar nicht mal so kleine Nische besteht.

  4. Nee, gehijacked auf gar keinen Fall. 🙂 Die Fanszene, so wie man sie am Sonntag erlebt hat, ist kontinuierlich seit etwa Mitte der 90er gewachsen, wobei sich das Gewicht im Lauf der Jahre zwangsläufig von den ganz alten zu den jüngeren Fans (die „Zwischengeneration“ fehlt bei TeBe weitgehend) verschoben hat. Somit ist die Außendarstellung kein clever konzipiertes Image, sondern Spiegelbild der Entwicklung der Mitglieder- und Anhängerschaft während der vergangenen zwei Dekaden. Und der Vergleich mit Nordkaos hinkt schon deshalb, weil die Fanszene von TeBe sich dem Ultragedanken eher verweigert (Gesänge à la „lilaweiß allez, Ultras von TeBe“ darf man ebenfalls unter Ironie verbuchen). Was wiederum eine der Parallelen zu Altona und somit ein Grund dafür ist, dass beide Lager recht gut miteinander können.

    Das mit der Nische stimmt hoffentlich. Bislang hat das nie so ganz geklappt, aber vielleicht musste es ja erst soweit runtergehen, um sie nachhaltig ausfüllen zu können.

  5. Ich verfolge TeBe natürlich nicht so genau, kann aber nur sagen, dass ich 1998 bei den Relegationsspielen von 96 gegen Tennis Borussia noch nicht viel von Alternativkultur gespürt habe. Zahlenmäßig schien seinerzeit auf TeBe-Seite im Mommsenstadion der Rentnerblock die Nase klar vorne gehabt zu haben. Kann aber vielleicht auch daran gelegen haben, dass man damals TeBe wegen der Göttinger Gruppe einfach in eine andere Schublade gesteckt hat.

    Der Vergleich mit Nordkaos bezog sich weniger auf die Ultrakultur als solche, sondern eher darauf, dass sich eine Gruppierung einen bestimmten Club mehr oder weniger bewusst aussucht, um ihn als Plattform für ihre Vorstellungen von richtigem Fantum zu nutzen. Mit der Tradition des Clubs passt das manchmal gar nicht zusammen und der Fußball steht dabei zumeist auch nicht wirklich im Mittelpunkt. Auch ein Teil des „modernen Fußballs“ ist das aus meiner Sicht, weil sich diese „Fans“ genauso das gemachte Stadion-Event suchen wie die Fans der TSG Hoffenheim – nur statt einer Casting- gibt es halt eine Alternative-Band, die sich gemeinsam mit Bono gegen den Hunger in der Welt engagiert.

    Ich will mal ein anderes Beispiel nennen, dass vielleicht eher mit TeBe zu vergleichen ist, wenn man das unterschiedliche Fanpotential der jeweiligen Städte außen vor lässt. In Hannover fanden plötzlich auch ein paar eher alternativ angehauchte Studis den SV Arminia spitze und sahen ihn als irgendwie mit Tradition behaftete Alternative zum „modernen Fußball“, der in der Buli bei 96 dargeboten wird. Man veranstaltete Lesungen mit Fußballbezug im sog. Grün-Weiß-Grünen Salon, steckte sich selbst gemachte Retro-Arminia-Pins an das Cordsakko und wohnte im eher studentisch/alternativ geprägten früheren Arbeiterstadtteil Linden. Alles ganz toll. Mit dem Verein Arminia hatte das aber herrlich wenig zu tun. Die Arminen sind nämlich traditionell ein bürgerlicher Verein und spielen im eher spießigen Stadtteil Bult – das Publikum setzte sich neben vielleicht 20-50 Hardcorefans und Fußballallesguckern vor allem aus den Meckeropas auf der Haupttribüne zusammen.

    Eine Nische ist für den SVA meiner Meinung nach in einer Stadt wie Hannover nur schwer zu finden und deshalb hat das meines Wissens auch nie wirklich gezündet. In Berlin findet dagegen natürlich jeder Topf seinen Deckel. Sieht man, dass an jeder dritten Kneipe in Friedrichshain-Kreuzberg eine Pauli-Fahne weht oder die Pauli-Spiele übertragen werden, kann man sich schon vorstellen, dass ein Klein-Pauli in Berlin ankommen kann. Ich sehe nur nicht ganz, wie man die Leute nach Charlottenburg bekommen möchte, denn „Soul“ – wie es irgendwo auf einer der TeBe-Seiten heißt – hat das Mommsenstadion doch eher nicht. Ein 0815-Nachkriegshaus bekommt schließlich auch nicht dadurch plötzlich Flair, dass viele Altbauten kernsaniert worden und ihrerseits an Charakter verloren haben. Eventuell sind meine Erinnerungen an das Mommsenstadion aber auch getrübt, weil 96 damals 0:2 bei TeBe abkackte (und damit fast den Aufstieg verspielt hätte), es 90 Minuten durchregnete und die Stimmung trotz meiner Erinnerung nach 6.000-8.000 Roter bescheiden blieb.

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