No hascienda in der Bombonera de Nervión?

Bei der WM ’82 machte sich Toni Schumacher im Halbfinale gegen Frankreich im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán, der Heimstätte des FC Sevilla, um die Völkerfreundschaft verdient. Morgen, im Play-Off-Spiel um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League zwischen dem FC Sevilla und Hannover 96, werden hingegen keine Fair-Play-Preise vergeben.

Dies wurde mir bereits heute Mittag bei einer Stippvisite am Stadion klar. Während nämlich die Stadionordner noch Siesta machten, hatte ich mich im Stile eines Schlaufuchses in die Pralinenschachtel geschlichen. Wieso denn Pralinenschachtel, fragen jetzt solche Leser, deren Finger zu verwarzt zum Googeln sind. Pralinenschachtel ist deutsch für Bombonera und Bombonera de Nervión nennt der Sevillano das Estadio Ramón Sánchez Pizjuán so wie wir etwa Betzenberg statt Fritz-Walter-Stadion oder scheiß Bruchbude statt Stadion in der verbotenen Zone sagen. Wie das „echte“ Bombonera der Boca Juniors in Buenos Aires hat es dicht ans Spielfeld reichende, steile Ränge. Überdacht hat man nur die Haupttribüne, nicht aber den Gästebereich auf der Südtribüne, um die Porzellanhaut nordeuropäischer Gästefans mit hässlichen Sonnenbränden zu verunstalten.

Von hieraus werden morgen ca. 3000 Hannoveraner die Musik machen.

Obwohl ich ähnlich wie Marcus Brody aus Indiana Jones in der Lage bin in fremden Ländern und Kulturkreisen völlig einzutauchen, blieb meine Anwesenheit nicht unbemerkt. Ein herbeigeeilter Ordner wies mich nicht nur darauf hin, dass ich nicht einfach so die blöde Keksbox betreten könne, sondern nahm darüber hinaus die von mir gemachten Fotos genau in Augenschein. Da ich mir vom Andalusier nur ungern norddeutsche Stieselei vorwerfen lassen möchte, wurde die eindeutig notwendige Sicherheitsmaßnahme frei nach Andy Möller („Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!“) mit einem fröhlichen „Come stai?“ und eifrigem Schulterklopfen gekontert. Davon können sich die ungehobelten Dortmunder, die in der vergangenen Europa-League-Saison erfahren mussten, dass die andalusische Militärpolizei ihren Ordnungsauftrag ernst nimmt und deshalb zu Dutzenden die Nacht im Gefängnis verbringen mussten, noch eine dicke Scheibe abschneiden.

Als Fremder war ich gekommen, als guter Freund verließ ich das Stadion mit den Taschen voller Geschenke: So zum Beispiel der Info über den Beginn des Abschlusstrainings. „No hascienda“, rief mir mein neuer Ordnerfreund noch nach. Kein Finanzamt? Na, das wollen wir doch mal sehen, dachte ich mir. 

Leider sollte sich die Prognose des früher Nachmittags bewahrheiten: Nur Pressevertreter durften dem Training der 96er und dies auch lediglich für 15 Minuten beiwohnen. Nach dem Training konnte ich allerdings die Entschlossenheit bei gleichzeitiger maximaler Entspanntheit aus den Gesichtern unserer Jungs herauslesen. Selbst zur internationalen Markenbildung blieb noch Zeit und so standen die roten Riesen nur zu gerne für Fotos mit aufgeregten Sevillanos bereit.

Wer ist dieses Messi? Markus Miller steht im Dämmerlicht für gemeinsame Fotos bereit.

Zudem spielt 96 das Wetter in die Hände, sind die Temperaturen deutlich niedriger als gewöhnlich zu dieser Zeit in Andalusien. Diese Info entlockte ich einem seit knapp einem Jahrzehnt in Sevilla lebenden deutschen Dauerkarteninhaber des FC Sevilla wie beiläufig im nur vordergründig weltmännischen Plauderton („Schöne Stadt schon wegen des guten Wetters.“).

Der andalusische Sommer ist auch nicht das, was er mal war.

Wir können uns also darauf freuen, dass die Roten morgen mit ausgewählter Höflichkeit ihren Fußabdruck am Hintern des FC Sevilla hinterlassen werden. No hascienda? Am Ende des Tages wohl kaum, mein Freund!

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