Sevilla muss sich Hannovers Ordnung unterwerfen

Vor der Bombonera de Nérvion, an der Ecke von Haupt- und Südtribüne entrollen die Sevillista – wie die Fans des FC Sevilla genannt werden – etwa zwei Stunden vor Spielbeginn ihre rot-weißen Schwenkfahnen und bilden ein Spalier. 96-Fans nutzen die Gelegenheit und fotografieren die Fahnenparade, einer reiht sich feist mit einer schwarz-weiß-grünen Fahne ein. Plötzlich werden Polizeisirenen laut, der eigentliche Sinn des Spektakels wird klar. Begleitet von Polizeiwagen, eingerahmt von berittener Polizei fährt der Mannschaftsbus von Hannover 96 vor. Aus den Stadionlautsprechern dröhnt Nenas „99 Luftballons“, die Sevillista machen ordentlich Krach – die Polizisten haben größte Mühe ihre Pferde unter Kontrolle zu behalten, eines geht kurz durch, die Menge weicht schnell auseinander, aber die Polizisten mit ihren verspiegelten Sonnenbrillen verziehen keine Miene. Kaum sind die 96-Spieler in den Katakomben des Stadions verschwunden, da ertönen erneut Polizeisirenen. Jetzt ist es der Mannschaftsbus des FC Sevilla, der Polizeiwagen fährt diesmal noch etwas schneller voran, die Kavallerie reitet ohne größere Rücksicht in die Menge der Sevillista, die ihre rot-weißen Schals und Fahnen hochhält und mit fast religiöser Inbrunst die Vereinshymne singt. Der Mannschaftsbus erreicht den Spielereingang unter dem Mosaik-Wappen, welches dort die Stadionrückwand in ihrer gesamten Höhe einnimmt. Wie bei einer Prozession bewegt sich nun die Menge auf die Absperrrungen am Spielereingang zu, ihre Gesänge begleiten die Spieler ins Stadion. Was für ein Schauspiel!


Die Bombonera füllt sich nur langsam, während die 96-Fans gegen die Reporterkommentare der auf der Videotafel laufenden Wiederholungen von Europapokalerfolgen des FC Sevilla ansingen. Insbesondere die Tore gegen Schalke werden immer wieder gezeigt. Kurz vor Spielbeginn sind die Sevillista dann aber da, auf der Nord- und der Südtribüne sind so gut wie keine Plätze mehr frei, insgesamt wollen über 42.000 Zuschauer das Spiel sehen. Weit mehr als ein dutzend rot-weißer Fahnen werden auf dem Rasen geschwenkt, im Stadion wird es nun richtig laut, über der Nordtribüne, dort wo der harte Kern der Sevillista steht, breitet sich rot-weißer Nebel aus. Die 96-Kurve hält dagegen, eingehüllt von grün-weißem Rauch. Als die Spieler einlaufen, die 96er in ihren leuchtend grünen Europapokal-Trikots, lassen die Flutlichtmasten die Farben intensiver als sonst wirken, hat man das Gefühl, das Spielfeld an diesem Abend in High Definition zu sehen.



Wahrscheinlich werden in der Schalke-Arena höhere Dezibelwerte erreicht, auf der gelben Wand im Westfalenstadion hüpfen mehr Fans. Doch diese Gesänge der Spanier schüchtern ein und betören zugleich, manchmal hat man den Eindruck, auch der Schiedsrichter werde sich bald halb aus Furcht, halb aus Verzückung den Wünschen des Publikums hingeben, wie im Rausch Elfmeter für Sevilla pfeifen oder die Hannoveraner mit einer Roten Karte für ihre kühle Vernunft bestrafen, um zum Gelingen des Schauspiels beizutragen. Gar nicht auszudenken, welche Suggestivkraft von der Bombonera ausgegangen sein muss, als sie vor ihrer Versitzplatzung nicht nur 45.000, sondern noch 74.000 Zuschauer aufnahm. Manche Melodien kommen einem vom deutschen Ultrasingsang bekannt vor, doch sind die Gesänge der Spanier immer auf das Spiel bezogen. Fällt ein Spieler der Heimmannschaft oder gibt es Freistoß für Hannover, protestieren die Zuschauer leidenschaftlich. Unfair, mag die erste Reaktion sein, jedoch sucht das Publikum in Sevilla gar nicht das rechte Maß, sondern will als Teil eines großen Schauspiels gemeinsam mit seinen Spielern etwas Schönes schaffen. Will und kann man da nicht nur ganz in der Betrachtung dieser Darbietung versinken, sich wunsch- und willenlos dem Glück des Schauens hingeben?

Hannover 96 kann und will das an diesem Abend jedenfalls nicht. Die Sevillista singen ihre Hymne, es klingt wie in der Oper. Aber die etwa 3.000 Hannover-Fans erstarren nicht, fast surreal donnert es „Hier regiert der HSV“, später „Hurra, hurra, Hannover ist da“ durch die warme andalusische Nacht und manchem der Sevillista neben mir auf der Gegengerade vergeht ob der groben Schlachtrufe der Teutonen die Freude am schönen Gesang, die Damen in meiner Reihe setzen sich zwei Plätze weiter weg. „Dass mit den Fahnen haben die sich bei uns abgeschaut, eine öde Übertreibung“, merkt ein 96-Fan ungerührt zum rot-weißen Fahnenmeer an. Das hier ist unser Abend, unsere Europapokalsaison – „Europapokal, Vierschanzentournee“, singen wir. Immer wieder brandet „96 olé“ auf. Und was ist das? Flanke Kocka Rausch aus vollem Lauf, Moa ist zuerst da, trifft volley grabsteinkalt. Hier regiert der HSV und der hat für die Sevillista gerade ein Gesetz erlassen und das besagt, dass sie jetzt zwei Tore zur Verlängerung brauchen, drei Tore zum Weiterkommen. Die Bombonera ist ernüchtert, hinter mir murmeln sich Spanier verblüfft „96 olé“ zu.

Doch noch ist das Unbestimmte nicht in Form gebracht, das Fühlende der Vernunft nicht unterworfen. Kurz vor Ende der 1. Halbzeit fällt der Ausgleich, Pogatetz springt der Ball vom Schienbein ins eigene Tor. Nach der Pause drücken die Spanier, Sevillas Fans gewinnen die Oberhand, die 96er bibbern. Blitzschnell lassen die Spanier den Ball laufen, Kanouté holt die hohen Bälle herunter und passt sie auf die Außen, 96 kann die Spanier hier kaum noch halten. Navas wirbelt die linke Seite der 96er durcheinander, Cherundolo kriegt auf der rechten Seite den Zehner nicht in den Griff, wird ein ums andere Mal überlaufen. Ein Pfiff des Schiedsrichters, Gelb für Cherundolo, wieder ein Pfiff, Gelb für Schulz und noch ein Pfiff, Gelb für Schlaudraff. Sevilla droht sich in einen Rausch zu spielen, die Ordnung der Hannoveraner ist erschüttert – aber sie löst sich nicht auf.

Schulle holt die Grätsche raus – HSV! Pogatetz und Haggui räumen im Strafraum auf  – steht auf, wenn ihr Rote seid! Pinto verhindert Anarchie im Mittelfeld – hier regiert der HSV! Zieler, dem von einem Banner im Oberrang Robert Enke mit dem Europapokal in der Hand zuschaut, ist nicht mehr zu überwinden und beruhigt das Spiel wie ein Alt-Internationaler, die Buhrufe des spanischen Publikums fechten ihn nicht an – die Nummer 1 im Tor haben wir! 96 rückt weiter noch vorne, unterbindet die Schwindel erregenden Kombinationen der Sevillanos und setzt seine Ordnung nach und nach auf dem gesamten Feld wieder in Kraft.


Schlaudraff kann von Sevillas Torhüter Palop nur noch mit einem Foul gestoppt werden, der fällige Strafstoß wird 96 verweigert. Als aber Sevillas Abräumer Medel gegen Pinto eine Tätlichkeit begeht, erkennt nun auch der Schiedsrichter, dass vom Rauschhaften bei Sevilla nur noch Wahnsinn übrig geblieben ist und zeigt ihm die Rote Karte. Sevilla geht in die Knie und muss die hannoversche Ordnung anerkennen. Die Vereinszeitung schreibt am nächsten Tag: „El Sevilla FC se estrelló ante el orden y la disciplina del Hannover 96“.

Ein Blick in Hannovers Kurve zeigt so viele glückliche Gesichter wie man selten auf einem Fleck gesehen hat. Es klingt abgedroschen, ist hier aber wahr: Von diesem Spiel werden viele Fans noch ihren Enkeln erzählen. Ein Hannover-Wechselgesang zwischen den Fans auf der Südtribüne und der Haupttribüne hallt durch das Stadion, welches sich rasant geleert hat. Vom Europapokal in Rom, Mailand und Bukarest wird gesungen, die Vierschanzentournee gerühmt. Und natürlich sind wir alle stolz auf unser Team aus Hannover.


„Eviva España“ singt die Kurve angesichts dieser fantastischen hannoverschen Nacht in Spanien. Die Gläser, die sind voller Wein, bei vielen auch voller Cerveza und wirklich niemand will jetzt wieder fort und außer den TUI-Reisenden muss dies in dieser Nacht auch keiner mehr.

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