Risikospielhattrick in Belgien


Rooney verzweifelt in den Strafräumen des Niedersachsenstadions an Mad Dog, Rausch tritt traumhafte Standards im Estadio Vicente Calderón – all dies kann uns die Auslosung des 1/16-Finales des UEFA-Pokals bringen. Die Live-Übertragung aus der UEFA-Zentrale im schweizerischen Nyon wird daher mit besonderer Vorfreude erwartet. Zu unserer Glücksfee soll der rumänische Alt-Internationale Miodrag Belodedici werden. Miodrag, wenn schon nicht Manchester oder Madrid, dann gib‘ uns doch für ein paar Tage eine Auszeit vom unmenschlichen deutschen Winter, nach Valencia oder Lissabon möchten wir entfliehen, in Saloniki oder Piräus solidarisch gegen das Kaputtsparen des armen Griechenlands  antrinken. Die Vorfreude steigt noch, als im Vorspann Stindls Volleyknaller beim FC Kopenhagen zu sehen ist.  Die ins Intro hineingeschnittenen Eintrittskarten für die  Spiele von Standard Lüttich gegen Hannover 96 erinnern allerdings auch daran, dass am wahrscheinlichsten eine Auswärtsreise in die Benelux-Staaten ist. Anderlecht, Brügge, Eindhoven und Enschede sind im Favoritentopf und locken mit einem lachhaften Kartenkontingent, Tränengas und Wasserwerfern – beim Gedanken an bevorstehende Busreisen umweht der sanfte Geruch von Bierschiss meine Nase.

Miodrag legt los wie ein Hütchenspieler vor dem Fernsehturm am Alexanderplatz und zieht für die ersten drei Begegnungen fünf Champions-League-Absteiger aus den Töpfen. Der amtierende UEFA-Pokal-Sieger Porto muss gegen Man City ran. Als nächstes zerplatzt der Traum von Old Trafford – Man Utd muss in den ultramodernen Hundepuff von Ajax Amsterdam. Leider werden wir  nun nicht erleben dürfen wie Andreas Willeke und Lars Beike monatelang den englischen Rekordmeister beharrlich und völlig ahnungslos als ManU, also als Mist verhöhnen, und doch eigentlich nur Weltläufigkeit demonstrieren wollen.  Auch nach Bilbao dürfen wir nicht, die Basken müssen im russischen Winter bei Lok Moskau auf Kunstrasen antreten. Als Rasenball Salzburg gegen Charkow gelost wird, höre ich den UEFA-Offiziellen schon sagen: „Thank you, Miodrag. But Metalist Charkow must go to group H96.“ Doch anders als bei der bis heute für mich nicht ganz verständlichen Zuordnung von Vorskla Poltava zur Gruppe B zwingen undurchsichtige UEFA-Regularien diesmal nicht dazu, Fortuna in den Arm zu greifen und die Roten in die Ost-Ukraine zu schicken. Stattdessen müssen die Brause-Ösis zum nächsten Euro-Auswärtsspiel über stillgelegte Militärflughäfen anreisen. Valencia und Madrid, Saloniki und Piräus sowie Istanbul werden aus dem Favoritentopf gezogen, nur die 96-Kugel will sich nicht zeigen. Arbeitslos und endlich mal eine vernünftige Flasche Bier, das ist  S04, die im Februar ins böhmische Pilsen fahren dürfen. Unsere Freunde aus Lüttich reisen nach Krakau. Tschüss und viel Spaß mit den polnischen Hools, euch sehen wir so schnell nicht wieder, denke ich mir und ahne noch nicht, welche Pointe der Fußballgott für die Auslosung vorgesehen hat. Klug verharrt die Kugel von Hannover 96 in der Schale, als Miodrag Anderlecht, Eindhoven und Enschede aus dem Lostopf holt und verhindert somit zunächst ein erneutes Hochsicherheitsspiel. Zum Schluss kommen für 96 nur noch Sporting Lissabon und der 13malige belgische Meister FC Brügge in Frage.

Es wird Brügge, die Europäische Kulturhauptstadt von 2002, dessen mittelalterlicher Stadtkern von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. „Wenn ich auf einem Bauernhof aufgewachsen und geistig zurückgeblieben wäre, würde mich Brügge vielleicht beeindrucken, aber das bin ich nicht, also tut’s das nicht,“ heißt es bei „Brügge sehen … und sterben“. Dem kann man nichts hinzufügen. Daums Brügge bedeutet vor allem: Keine Reise in die Sonne, sondern das Risiko eines Risikospiels mit Schneegarantie (kann man kapieren oder?). Das Sightseeing der 96-Fans könnte sich eventuell auf das Jan-Breydel-Stadion beschränken, welches übrigens ein wirklich sehenswerter Ground ist. Leider fasst das Jan-Breydel-Stadion nur 30.000 Zuschauer, mehr als 1.500 Gästekarten stehen 96 damit nicht zu.  Da ein Schwarzmarkt in Belgien bekanntlich nicht existiert, könnte der Erwerb über das Gästekontigent hinausgehender Tickets schwierig werden.  Etwas Hoffnung auf einen entspannteren Umgang mit Gästefans als in Lüttich macht, dass Birmingham in der Gruppenphase mit über 5.000 kahlgeschorenen betrunkenen Brummies in Brügge aufgelaufen ist und sich auch in der Innenstadt breitmachen durfte.

Sollte auch Brügge den Lüttich-Style durchziehen, droht 96 der  Risikospielhattrick in Belgien. Viele Jahre lang habe ich gedacht, dass der Fußballgott wahrscheinlich ein Schwachkopp in Lederhosen ist. Seit heute vermute ich, dass er so eine Art Nelson Muntz sein muss. Ha Ha, dürfte sich der Fußballgott denken, als Miodrag unseren Roten für das mögliche Achtelfinale den Sieger von Wisla Krakau und Standard Lüttich zulost. Hoffen wir, dass der Lütticher Bürgermeister im kommenden Jahr wenigstens kein Kriegsrecht verhängt.

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