Die Betrachtung des Dahinvegetierens

Die Bundesligakonferenz auf Sky ist wie ein Fußballporno, hat meiner Erinnerung nach irgendein kluger Kopf einmal festgestellt – die Zuspitzung der Übertragung auf Tore, Elfmeter und Platzverweise so eine Art Cumshot-Compilation. Nun gibt es bekanntlich unpopulärere Filmgenres als Pornos, dementsprechend beliebt ist am Samstag um 15:30 Uhr in Deutschlands Kneipen die Sky-Bundesligakonferenz. Wegen des Berlin-Marathons verstopften über 45.000 Selbstoptimierer die Straßen Kreuzbergs, was mir unglücklicherweise erst auffiel, als ich auf dem Weg zum Niedersachsenstadion mit meiner Karre kurz vor dem Kottbuser Tor im Stau stand. So war ich auf die Sky-Bundesligakonferenz angewiesen, wollte ich ein paar Live-Bilder vom Nordderby Hamburg gegen 96 sehen.

Endgültig eine Zumutung wird das Konferenz-Schauen an einem Spieltag wie dem heutigen, ganze zwei Tore in der ersten Halbzeit, Langweilerpartien wie Hoffenheim gegen Augsburg und Leverkusen gegen Fürth. Bundesligakonferenz auf Sky und keine Tore in der Sinsheimer Wirsol-Arena, keine Tore in der BayArena, das ist als ob man dem unansehnlichen Sinsheimer Maskottchen Hoffe dabei zusehen muss, wie er sich am schlaffen Schniedel des nicht minder hässlichen Brian the Lion 45 Minuten erfolglos abmüht. Bevor es noch unappetitlicher wird, verzichte ich besser auf weitere Vergleiche, etwa für die ständigen Werbeeinblendungen beim Umschalten von einer Partie zur nächsten. Geschätzte drei bis fünf Minuten gehen so pro Konferenzübertragung von 90 Minuten Fußball verloren. Weitere Pornoanalogien sind zum Glück auch entbehrlich. Auf der in der Halbzeitpause aufgesuchten Toilette hing ein Werbeplakat der Berliner Hip-Hopper Pilskills und Suff Daddy. Der Titel ihres neuen Albums beschreibt irgendwie auch ganz gut den fragwürdigen Genuss des 6. Spieltags in der Sky-Bundesligakonferenz: Es ist die Betrachtung des Dahinvegetierens.

Zu jeder guten Mottoparty unter der Überschrift „Die Betrachtung des Dahinvegetierens“ gehört die Übertragung der Sky-Bundesligakonferenz.

Die Vielzahl dröger Begegnungen ist dabei keine Laune des Spielplans, sondern ist diese Saison in der Bundesliga Programm. Wolfsburg, Mainz und Freiburg standen an diesem Samstagnachmittag noch nicht einmal auf dem Platz. Eigentlich will ich gegen Mainz und Freiburg, gegen Fürth und Augsburg noch nicht einmal etwas gesagt haben, denn schließlich ist es nicht ihr Verschulden, wenn bei Traditionsvereinen wie Köln, Hertha, Kaiserslautern, Dynamo Dresden oder 1860 München in der Vergangenheit einfach schlecht gearbeitet worden ist. In der Bundesliga muss auch Platz sein für kleinere Vereine und wenigstens der dreimalige Deutsche Meister Fürth muss sich seiner Historie gewiss nicht schämen. Erlaubt man sich allerdings wie die DFL den Luxus, mit Wolfsburg, Hoffenheim und Leverkusen gleich drei Konzernclubs zu lizenzieren, für die Financial Fair Play und 50+1-Regel böhmische Dörfer sind, muss man sich nicht wundern, wenn es bei Aufstieg des ein oder anderen Underdogs zu unattraktiven Begegnungen en masse kommt – zumal sich Red Bull Leipzig auch gerade auf den Weg macht. Rhetorische Frage: Würde die Bundesliga nicht mehr Spaß machen, wenn Kaiserslautern statt Hoffenheim, Köln statt Leverkusen und – entschuldigt bitte den schmutzigen Gedanken – Braunschweig statt Wolfsburg in der Liga spielten?

Als es in der zweiten Halbzeit im Duell der beiden HSV anscheinend hoch hergeht und 96 mehrfach am im Übrigen fantastischen Rene Adler scheitert, bekommt der Sky-Zuschauer minutenlang das mit Rot geahndete Foul des Hoffenheimers Salihovic aus allen Kameraperspektiven präsentiert. Wo die Radiokonferenz das Potenzial hat, ein Bild zu malen, die Vorstellung anzuregen und das Geschehen auf den verschiedenen Plätzen zu einem spannenden Ganzen zu verweben, bleibt die Sky-Konferenz banal, zusammenhanglos, öde. Nun ja, die Message dürfte klar geworden sein: Es hat mir keinen Spaß gemacht, in der Sky-Konferenz die Niederlage der Roten gegen den Hamburger SV anschauen zu müssen. Vielleicht hätte der Ausgleich zum 1:1 die Übertragung in einem milderen Lichte erscheinen lassen.

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Ein Gedanke zu „Die Betrachtung des Dahinvegetierens

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