Mona Lisa, Augsburg ist vorbei


Es gibt Spiele, an die man sich schon recht bald kaum noch genau erinnern kann –  so ein Spiel ist das 2:0 von Hannover 96 am 10. Bundesligaspieltag gegen den FC Augsburg. Das Spiel der Roten an einem trüben Novembernachmittag nicht gerade berauschend, aber auch nicht katastrophal schwach, das Stadion nicht rappelvoll, aber mit 41.000 Zuschauern auch nicht gähnend leer, auf den Tribünen nicht die Action wie im Pokalspiel gegen Dynamo Dresden, aber auch nicht eine Friedhofsstille wie zeitweise beim Stimmungsboykott gegen Levante. Ein eigentlich verwechselbarer, durchschnittlicher Bundesligaheimspieltag, wenn nicht in letzter Zeit im Niedersachsenstadion eher das Spektakel Alltag geworden wäre. Die wenig denkwürdige Partie gegen den FC Augsburg bietet die willkommene Gelegenheit, einige Notizen zu zwei, drei Dingen des hannoverschen Stadionalltags zu machen, die uns heute so selbstverständlich sind, dass wir sie kaum bemerken, die aber morgen vielleicht schon verschwunden sind und an die wir uns übermorgen entweder mit Schaudern oder womöglich auch wohlig-warm erinnern werden – ich sag nur: Zwei Tüten eine Mark!

Da sind zunächst Dete und Osssy, die uns vor dem Spiel die Vereinshymne „96 – Alte Liebe“ live in Vollplayback vorturnen – so quasi als eine Art Zottel Playback Show. Singen die beiden Flohzirkusbetreiber eigentlich die Vereinshymne, weil sie hannoversche Originale sind oder sind sie hannoversche Originale, weil sie die Vereinshymne singen? Ich weiß es nicht. Die Nordkurvencredibility geht ihnen jedenfalls etwas ab und dies nicht nur, weil sie mit der „Alten Liebe“ jüngst sogar auf Vox beim Perfekten Dinner in der geschmacklos eingerichteten Wohnung eines hannoverschen Boutique-Fuzzis aufgetreten sind. Der Teil des Stadionpublikums, der nicht nur aufschlägt, um vollbreit irgendwas abzufeiern, scheint mir die Schals immer etwas widerwillig hochzuhalten, wenn die beiden Hygieneskeptiker loslegen. Dies dürfte bei genauerem Hinsehen aber für die „Alte Liebe“ allgemein gelten. Wenngleich die Urversion der Hymne schon 1998 von den 96-Fans Martin Hylla und Kai Hoffmann geschrieben worden ist und an sich den Charme des etwas Unbeholfenen, liebevoll Amateurhaften hat („Mit dir haben wir nie nur auf Sand gebaut“), wirkt sie doch ein wenig aufgepropft. Etwas zu sehr ist das Kalkül der Hannover 96 Kommanditgesellschaft auf Aktien erkennbar, mit der Installation einer sentimentalen Hymne 96 als emotionale Marke im Eventbusiness zu positionieren. Andererseits gibt es die „Alte Liebe“ inzwischen schon so lange, dass man ohne sie irgendwie auch nicht mehr will. Meine Zukunftsprognose lautet daher: Spätestens in 20 Jahren werden wir von einer Dete&Osssy-Tribüne anfeuern, nicht wenige werden im Stadion Dete&Osssy-Perücken tragen, andere werden ihren Vorbildern nacheifernd Duschräume nurmehr an hohen Feiertagen aufsuchen. Die Ultras werden eine Dete&Osssy-Fahne schwenken und daran wird sich weit weniger Streit entzünden, als an der Fahne von Fritze Haarmann. Manche werden darüber verbittern und vielleicht sogar ganz daran zugrunde gehen, dass der Ruhm den – wie sie sich ausdrücken werden – Heckenpennern doch eigentlich gar nicht zusteht. Gehört nicht zu diesen armen Menschen!

In den Duden wurde 2009 das Wort Fremdschämen aufgenommen. Gemeint ist, dass sich jemand für etwas, das ein anderer getan hat, an dessen Stelle schämt. Bislang gingen Forscher davon aus, dass vor allem TV-Sendungen wie etwa „Deutschland sucht den Superstar“, die zunehmend an sich Privates öffentlich vorführen, dazu beigetragen haben, diesem Gefühl einen Namen zu geben. Ich bin mir nicht sicher, ob die Forscher bei der Entwicklung des Fremdschämens zum Massenphänomen nicht etwas Entscheidendes übersehen haben. Die Rede ist von der Pick-Up-Fanbox, in der etwa seit 2007 Fans in der Halbzeitpause ihre Grüße – gerne mittels Gesängen – via Stadionleinwand übermitteln können. Leider nutzt ein nicht unerheblicher Teil von ihnen die Bildschirmpräsenz, um einen ziemlich grenzdebilen Eindruck zu hinterlassen. Bezüglich der Kinder, die nunmal von Natur aus noch doof sind, ist der Vorwurf eindeutig an die Eltern zu richten, die ihre Aufsichtspflicht sträflich vernachlässigen, wenn sie es zulassen, dass die Doofheit ihrer Kinder zum Ankurbeln des Kekskonsums missbraucht wird. Für die Erwachsenen vermute ich, dass hier Alkohol eine unrühmliche Rolle spielt. Durchschnittlich 40.000 Hannoveraner, die sich regelmäßig angesichts der Pick-Up-Fanbox in Grund und Boden schämen, können jedenfalls bei der Erforschung des Phänomens des Fremdschämens nicht einfach außer Acht gelassen werden. Als gesichert kann dabei gelten: Fremdschämen wird begünstigt, wenn sich eine Person zum Honk macht, die den Schal oder das Trikot des Fußballvereins trägt, den man auch selbst favorisiert, und diese Person nicht nur vor entgeisterten Heim-, sondern zugleich vor einigen tausend schadenfrohen Gästefans auftritt.

Gegen Clubs wie Augsburg, Freiburg oder Mainz wird man im Niedersachsenstadion nur selten explizit gegen diese Vereine gerichtete Schmähgesänge vernehmen. Selbst das früher allgemein übliche „Ihr schlaft unter Brücken oder in der Bahnhofsmission“ ist weitgehend aus dem Niedersachsenstadion verschwunden. Stattdessen widmet sich die Nordkurve spätestens in der 2. Halbzeit der Braunschweiger Eintracht. Zum Standardrepertoire gehören zunächst die besinnlichen „Kling, Glöckchen, klingelingeling“, mit denen Fußballdeutschland mitgeteilt wird, dass mit einem baldigen Aufstieg des BTSV in die Bundesliga aus Sicht der 96-Fans nicht zu rechnen ist – Begründung: „Braunschweig ist beschissen.“ Der Schmähgesang wird abgerundet durch ein „Wer nicht hüpft, der ist Braunschweiger“. Flankiert werden die „Kling, Glöckchen, klingelingeling“ zumeist vom klassischen „Scheiß Eintracht Braunschweig“ zur Melodie von Guantanamera und schließlich vom im Stakkato vorgetragenen „Tod und Hass dem BTSV“. Im Hinblick auf letzteren Schlachtruf halte ich es mit Berti Vogts: „Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.“

Trotz genormter Stadionshow, trotz ritualisierter Fangesänge, bei genauem Hinsehen gibt es gerade bei Matches gegen Vereine wie Augsburg, mit denen 96 keine besondere Rivalität verbindet, auf den Rängen oftmals irgendetwas Neues zu entdecken. Diesmal war es ein Ultra-Gesang, von dem ich zunächst nur die Zeilen „Wir werden immer bei Dir sein, ob wir gewinnen oder verlieren“ verstehen konnte. Selbstverständlich habe ich mir den Text inzwischen ergoogelt. Diese Form der Informationsbeschaffung ist allerdings immer ein wenig ernüchternd. Wie wurde die Fantasie hingegen vor der Erfindung des Internets beflügelt! So erinnere ich mich daran, wie ich in den späten Achtzigern bei Führung der Roten etwas fast Poetisches in die Richtung verstand wie: „Mona Lisa, Stuttgart [Kickers, Anm. des Verf.] ist vorbei!“ Wenngleich ein solcher Gesang nicht logisch im allerengsten Sinne war, schien er mir dennoch ohne weiteres Sinn zu ergeben. Lächelt die Mona Lisa nicht geheimnisvoll und kann man dieses Lächeln nicht womöglich so interpretieren, dass sie mehr als eine Ahnung von zukünftigen Geschehnissen hat? Und richtet man an die Mona Lisa nun seinen Gesang, wonach es mit Stuttgart, Uerdingen, Bayreuth, Meppen oder sonstwem bald vorbei ist und schmunzelt sie daraufhin nur leise zurück, kann dies etwa nicht Anlass zur berechtigten Hoffnung geben, dass es für genannte Vereine wenigstens am heutigen Tage im Niedersachsenstadion, vielleicht aber sogar angesichts einer nimmer endenden Niederlagenserie ganz allgemein dem Ende zugeht? So weit meine kruden Gedanken. Es vergingen Monate bis ich begriff, was der damalige Fanblock H31 in Wirklichkeit sang: „Oberliga, Stuttgart ist dabei.“ Schade eigentlich.

Sind die drei Punkte mit dem Schlusspfiff eingetütet, dreht die Stadionregie sofort die Lautsprecher auf. Obwohl hierfür nach Übernahme der roten Laterne durch den FCA einiger Anlass bestanden hätte: Ein „Mona Lisa, Augsburg ist vorbei“ lässt das Sounddesign einer Bundesligapartie im Niedersachsenstadion nicht mehr zu. Die Spieler trotten nach solchen standes- und erwartungsgemäßen Siegen von der Süd zur West, das dortige gemeinsame Armeheben erinnert entfernt an eine Welle, das Schauspiel wiederholt sich vor der Nordkurve. Schließlich wird auch den Geldsäcken auf der Osttribüne kurz zugewunken – ich winke dann in der Regel zurück. Die emotionale Teilnahmslosigkeit der Mannschaft wird dabei nur von der Lustlosigkeit des Publikums übertroffen, falls dieses überhaupt noch anwesend ist. Das ist meiner Meinung nach im Großen und Ganzen auch okay, denn schließlich ist nicht an jedem Tag Karneval.

Hannover 96 – FC Augsburg 2:0 (1:0)
1:0 M. Diouf (26., Linksschuss, Vorlage: Stindl)
2:0 Stindl (85., Rechtsschuss, Vorlage: M. Diouf)
96: Zieler, Cherundolo, Eggimann, Haggui, Rausch , Schmiedebach, C. Schulz, Stindl, Huszti (87. Schlaudraff), Ya Konan (79. Pander), M. Diouf (90.+1 Sobiech)
Augsburg: Jentzsch, Vogt, S. Langkamp, Klavan, de Jong, Ottl, Baier, Musona (68. Koo), Moravek (46. Bancé), Werner (59. Ostrzolek), Oehrl
Schiedsrichter: Drees
Zuschauer: 41.200
Karten: keine

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Ein Gedanke zu „Mona Lisa, Augsburg ist vorbei

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