Liebt nicht euren Fußballverein, liebt eure Frau!

Dem ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann werden die schönen Worte „Ich liebe nicht mein Land, ich liebe meine Frau“ zugeschrieben. Die im Verlag Die Werkstatt unter dem Titel „Mein erster Stadionbesuch“ jüngst erschienene Auswahl von mehr als 60 Geschichten von Prominenten, Fußballjournalisten und Fußballfans will die Atmosphäre und die Stimmung des ersten Stadionbesuchs wieder aufleben lassen. Die Sammlung von Erzählungen zeigt vor allem eins: Liebt nicht euren Fußballverein, liebt eure Frau!

Eine Sammlung von Geschichten von Fußballfans über ihren ersten Stadionbesuch – das klingt nicht unspannend. Das Vorwort macht zunächst Lust auf mehr: Die Geschichten sollen die Erinnerungen daran wieder aufleben lassen, wie der erste Stadionbesuch schmeckte, roch, sich anfühlte, womöglich das eigene Leben veränderte. Diesem Anspruch wird voll und ganz gerecht die einleitende Geschichte von Hardy Grüne, seines Zeichens Verfasser der gehaltvollsten 96-Chronik „Rote Liebe – Die Geschichte von Hannover 96“, darüber wie sein emotionales Zweckbündnis mit Göttingen 05 begann. Auch Horst Eckels Schilderung aus der frühen Nachkriegszeit, wie er als Jugendlicher mit dem Fahrrad über 30 Kilometer zum Betzenberg fuhr, um dort seine Heroen Fritz und Ottmar Walter spielen zu sehen, mit denen er schon kurze Zeit später gemeinsam in Vereins- und Nationalmannschaft auflaufen durfte, liest jeder Fußballfan gerne. Ansonsten ist allerdings bis auf wenige Ausnahmen eine Sammlung von im besseren Falle belanglosen Geschichten herausgekommen. Im schlechteren Falle tobt sich – dies muss ich auch auf die Gefahr hin, wie ein Besserfan zu klingen, hier sagen – schlimmstes Fußballpseudotum aus und reitet den Mythos von der Liebe zum eigenen Fußballverein zu Tode.

Beispiele? Nick Hornby hatte in Fever Pitch geschrieben: „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“  Und weiter: „Du suchst Dir nicht Deinen Verein aus, sondern Dein Verein sucht sich Dich aus.“ Ein bisschen viel Pathos ist das vielleicht und Hornbys These wird von Hardy Grüne in seiner Geschichte „Wer braucht schon Europapokal?“ auch schön ins Wanken gebracht, ohne die Irrationalität des eigenen Fandaseins zu opfern. Hingegen schämt sich eine junge Germanistikstudentin aus der Generation Helene Hegemanns nicht, in ihrem Erlebnisbericht folgende Zeilen zu Papier zu bringen: „Ich verlor plötzlich, heimlich und ohne eigenes Zutun mein Herz an den FC Schalke 04. Ich hatte mir den Verein nicht ausgesucht, die Knappen hatten mich ausgesucht.“ Als die Dame ihre Liebeserklärung plagiert hat, dürfte sie übrigens noch nicht einmal eine einzige Saison auf Schalke gegangen sein, denn ihr erstes Spiel sah sie im letztjährigen UEFA Pokal gegen HJK Helsinki. So ging die Liebesgeschichte mit S04 übrigens los: „Ich lernte in den nächsten Minuten, worum es sich bei den sogenannten Knappenkarten handelte. Und war ein bisschen stolz, dass ich jetzt eine ganz eigene Karte besaß.“ Der Mythos Schalke lebt: Tausend Knappenkarten in der Nacht haben S04 viel Geld gebracht!

Generationenübergreifender Ansatz des Buchs hin oder her, der Reiz des Abdrucks von Erzählungen knapp volljähriger Frauen im Stile von „Meine ersten Ferien auf dem Ponyhof“ erschließt sich mir nicht. Beispiel: „Tausende Menschen waren um mich herum, Männer und Frauen, Weiße und Schwarze, Kinder und Großeltern. Ich fand es toll, dass ein Spiel wie dieses alle noch so verschiedenen Menschen zusammenbringen kann.“ We are the world, we are the children! Wohlgemerkt geht es hier um einen Besuch im Eintracht-Stadion an der Hamburger Straße.

Die BTSV-Hymne:

Ich habe extra wenige ganz schlimme Beispiele herausgesucht und will mich zudem über Eintracht Braunschweig lustig machen? Leider nein, denn solche Schilderungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Eine wahre Tortur sind für jeden dem Hannoverschen Sportverein von 1896 zugetanen Fußballfreund  dann aber erst die immerhin vier Erlebnisberichte sogenannter 96-Fans, die eigentlich einen Kommentar von Gernot Hassknecht verdienten. Die Geschichte „Unsere Stadt, unser Verein, unsere Leidenschaft“ übernimmt der Einfachheit halber mal gleich den Marketingslogan von Hannover 96 – und so liest sie sich auch, echte Emotionen eben. Kostprobe: „Denn wenn die Freude am Fußball und an unseren Roten alles andere wie Trauer, Ärger oder gar Hass überwiegt, fühlt man sich als besserer Mensch.“ Ganz genau! Nur noch eine kleine Ergänzung von mir: „Tod und Hass dem BTSV!“ Ein Anderer, der schon einmal das Niedersachsenstadion besucht hat, hat eine Freundin, die meint, den FC Bayern mögen zu müssen. Er bezeichnet sich seit seinem Besuch der Partie gegen Bayern als Roter, weil er die Freundin und ihren anscheinend weichbirnigen Bekannten nach dem hannoverschen Sieg auf der Rückfahrt so schön ärgern konnte. Mit der Freundin kann er deshalb nun nur noch zu Musicals gehen – gut so. Als nächstes erzählt ein Polizeibeamter, der womöglich sonst in N16/17 kleine Ultras verkloppt, davon, wie er seine 84-jährige aus Franken stammende Großmutter mit in die AWD-Arena (sic!) zum Spiel gegen den 1. FC Nürnberg geschleift hat. Eine riesen Sache für Oma, die aber lieber zehn Minuten vor Abpfiff nach Hause geht, weil es im Stadion zu laut ist. Ich füge hinzu: Dies ist keine Kritik an Oma! Oma zieht meinem Empfinden nach unter die überflüssige Aktion ihres Enkels völlig zu Recht einen Schussstrich; ich hätte an Omas Stelle dem Enkelsohn schon bei Überreichung der Tickets einen Vogel gezeigt. Davon mal abgesehen ist das aber schon am Geburtstag von Oma eine langweilige Anekdote, wieso muss das dann unbedingt noch für andere Leute aufgeschrieben werden? Ach ja, Fußballbegeisterung erfasst Jung und Alt, Schwarz und Weiß, Klein und Groß, Reich und Arm, Doof und Nochdoofer. Wirklich ärgerlich wird es dann aber erst, wenn eine junge Frau aus dem Münsterland das Gänsehautfeeling bei ihrem ersten Besuch im Niedersachsenstadion schildert: „Und auch heute noch, wenn ich an diesen Stadionbesuch denke, bekomme ich eine Gänsehaut…“ Gegen wen die Roten gespielt haben? Nun ja, eigentlich gegen niemanden, es war die Trauerfeier für Robert Enke.

Aus einem Grunde ist diese Sammlung größtenteils enttäuschender Erlebnisberichte dennoch nicht völlig sinnbefreit. Sie führt vor Augen, wie eine Fan- , besser gesagt Zuschauersozialisierung, zwischen Arenakarte und Stadionshowterror eben aussieht. Fußball ist im Jahre 2012 – in den Worten von Wolfram Eilenberger, dessen wunderbares Buch „Lob des Tores. 40 Flanken in Fußballphilosophie“ übrigens viel zu wenige gelesen haben – ein grundsätzlich austauschbarer Emotionsanreiz geworden. Fußball, Eishockey, Musical – alles die gleiche Soße. Womöglich sagen die vier Erlebnisberichte aus dem Niedersachsenstadion auch über die „Marke 96“ mehr als einem lieb ist. Vielleicht hätten die Herausgeber bei der Auswahl der Geschichten aber auch nur etwas genauer hinschauen sollen.

Abschließend an alle Fußballfans und Fußballpseudos folgender Appell. Liebe Fußballfans, achtet diejenigen, die sich nicht für Fußball interessieren, denn sie sind es, die eure Leidenschaft respektieren. Und liebe Fußballpseudos, hört mir zu: Es ist okay, Fußball nicht gut zu finden. Schwadroniert bitte nicht von Liebe und Leidenschaft zum Fußball, erzählt nicht vom Fußballvirus, der euch vorgeblich infiziert hat. Geht selbstbewusst an den Pseudoemotionen, die euch Martin Kind mit seiner „Marke 96“ andrehen will, vorüber. Kauft nichts! Geht nach Hause zu euren Frauen und Kindern, zu euren Geschwistern und Eltern. Es ist gut.

Jannis Linkelmann, Heidi Marinowa, Martin Thein (Hrsg.)
Mein erster Stadionbesuch

224 Seiten, Paperback
€ 12,90
Erschienen 2012 im Verlag Die Werkstatt

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Ein Gedanke zu „Liebt nicht euren Fußballverein, liebt eure Frau!

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