Eine Halbzeit Überzahl genügt 96 nicht

Coface-Arena - eingestellt bei Wikipedia von User "Mainzerize" unter Creative Commons-LizenzSchon vor sieben Jahren hätte Hannover 96 fast im UEFA Pokal mitgespielt, dem DFB war als Fünften der internationalen Fairplay-Rangliste ein weiterer Startplatz für den Wettbewerb zugesprochen worden und 96 führte die in der Presse veröffentlichte Sündertabelle der Gelben und Roten Karten als fairste Mannschaft an. Auf ihr Europapokalcomeback mussten die Roten schlussendlich aber noch bis ins Jahr 2011 warten, denn den Startplatz erhielt seinerzeit überraschenderweise der FSV Mainz – der DFB war der Auffassung, dass sich die Mainzer in hinzugedichteten weichen Kategorien wie positives Spiel, Respekt vor dem Gegner, Respekt vor den Offiziellen, Verhalten der Mannschaftsoffiziellen und Verhalten des Publikums besonders vorbildlich verhalten hätten. Trainer des Mainzer Fair-Play-Champions war damals ein gewisser Jürgen Klopp, dessen Wirken beim BVB Schiedsrichter-Boss Lutz Fröhlich inzwischen als gar nicht mehr so fair, sondern schon fast als eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit betrachtet.

Trainer des FSV Mainz ist mittlerweile Thomas Tuchel und auch er muss wahrscheinlich erst den Verein wechseln, um in den Medien nicht mehr als sympathischer Springinsfeld dargestellt zu werden. Dabei bewiesen Tuchel und der von ihm trainierte Karnevalsverein auch am gestrigen Sonnabend in der Begegnung mit Hannover 96, dass sie in etwa so sympathisch wie Doink the Clown sind: Keine Entscheidung des Schiedsrichters, die Tuchel und seine Spieler nicht infrage stellten und war sie noch so eindeutig, kein Einwurf für 96, gegen den sie nicht protestierten, kein Bein, das ein Mainzer Spieler nicht dankend für den Versuch einer Schwalbe annahm, kein Quadratzentimeter des Spielfelds, auf dem sich im Laufe der 90 Minuten nicht einer von ihnen krümmte.

Besonders auffällig in dieser Beziehung: Adám Szalai, eine 1,93 Meter-Kante, der trotzdem schneller zu Boden geht als Hugo Sánchez in seinen besten Tagen. Wie von einem Sniper niedergeschossen sacken plötzlich die 193 Zentimeter scheinbar leblos zusammen, wenn sich ein gegnerischer Spieler in ihre Nähe begibt. Da der Fußballgott ein unzurechnungsfähiges Arschgesicht ist, musste es natürlich eben jener Szalai sein, der in der 89. Minute das 2:1 erzielte und damit das Spiel für Mainz entschied. Eventuell wird Szalai in dieser Spielzeit den Rekord für die meisten Tore, die ein ungarischer Spieler in einer Bundesligasaison geschossen hat, brechen – Lajos Détári hatte in der Saison 1987/88 für Eintracht Frankfurt elf Treffer erzielt, Szalai traf diese Saison bislang neunmal. Das raubt einem nicht gerade den Schlaf, dennoch: Die Diskrepanz zwischen dem Fußballgenie Détári, dem man mit Genuss zuschaute, und Szalais Spiel, dessen Anblick ähnlich unangenehm wie eine Darmspülung ist, könnte kaum größer sein.

Nach dem 2:1 durch Szalai hätte Schiedsrichter Günter Perl direkt abpfeifen können. Zwar gab er noch vier Minuten Nachspielzeit – nach etwa drei Minuten fing Tuchel übrigens an, wie wild mit dem Zeigefinger auf seine Uhr zu hämmern und damit vehement den Abpfiff der Partie zu fordern -, Fußball wurde aber nicht mehr gespielt. Auf Annäherungsversuche der 96er reagierten die Mainzer damit, dass sie sich sofort fallen ließen, ihre Schauspielkünste wurden von Perl jeweils mit Freistoß belohnt. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass es Szalai war, der sich kurz vor dem eigenen Strafraum besonders grotesk zu Boden warf.

Die Mainzer Fair-Play-Tradition hat auch Torhüter Wetklo verinnerlicht: Als Schulle in der 28. Minute nach einer Freistoßhereingabe zum 1:1 ausglich und damit den wohl unstrittigsten und regelkonformsten Treffer dieser Saison erzielte, tat Wetklo was? Protestieren? Fast richtig, er protestierte und rastete komplett aus, konnte sich minutenlang nicht mehr einkriegen. Kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit bewies er dann erneut seine recht eigensinnige Interpretation des Regelwerks und verhinderte mit einem Handspiel außerhalb des Strafraums die mögliche Führung der 96er durch Schlaudraff, wofür Schiedsrichter Fröhlich ihm immerhin Rot zeigte – ein frühes Tor nach der Pause war damit trotzdem zunichte gemacht.

Genau bei dieser Roten Karte für Wetklo begannen nun aber die Versäumnisse der 96er. Hatte 96 bis dahin gegen das laufintensive und auf aggressives Pressing ausgerichtete Mainzer Spiel noch ganz solide gegengehalten, nutzte es die Mannschaft nun viel zu wenig, fast eine gesamte Halbzeit in Überzahl spielen zu können. Es war für mich noch halbwegs nachvollziehbar, dass 96 auch mit einem Mann mehr den Mainzern, die für ihr schnelles Umschaltspiel nach Balleroberung bekannt sind, nicht ins offene Messer rennen wollte und stattdessen selbst auf aussichtsreiche Situationen nach Ballgewinn spekulierte. Nur etwas mehr Verve im Spiel nach vorne hätte es schon sein dürfen, vor allem auf den Außen schienen Cherundolo und der eingewechselte Huszti einen Rückwärtsgang eingebaut zu haben, ihre ersten Bewegungen nach Ballannahme gingen fast immer in Richtung eigenes Tor. Zudem zeigte die zweite Halbzeit von Mainz, dass 96 zurzeit kaum in der Lage ist, nach Balleroberung schnell zum Torabschluss zu kommen – Dioufs Turbo-Tor gegen Fürth scheint hier nur die Ausnahme gewesen zu sein, die diese Saison die Regel bestätigt. Sicherlich kann 96 nicht einerseits taktisch variabel spielen und dabei trotzdem ein Spezialist für schnelles Umschaltspiel bleiben, man kann von 96 nicht Umschaltspiel und dominantes Ballbesitzspiel in Perfektion zugleich erwarten. Schon der olle Goethe wusste, dass die Ausprägung der einen Fertigkeit die Verkümmerung einer anderen nach sich zieht und nannte dies meiner Erinnerung nach Korrelationsprinzip. Gute Mannschaften zeichnet daher nicht aus, Spezialist für alles Mögliche zu sein, sondern zwischen den verschiedenen notwendigen Fertigkeiten eine gute Balance hinzubekommen. Die Suche nach dieser Balance beschreibt Christian Purbs anschaulich in seinem Artikel „Warum sich Hannover 96 zurzeit so schwertut“. Der Entwicklungsprozess ist schwierig, aber notwendig, will 96 dauerhaft ein Anwärter auf das obere Tabellendrittel werden. 96-Fans sollten daher Geduld mit der Mannschaft haben, die immer wieder stereotyp bemühte fehlende Einstellung scheint mir jedenfalls nicht der Punkt zu sein, auch ist Slomka nicht plötzlich zu einem herumdilettierenden Taktiknovizen geworden. Dennoch darf selbstverständlich gefragt werden, ob 96 nicht zuletzt die Pflege seiner früheren Stärke, die deutschlandweit mit dem Spiel der 96er verbundenen schnellen Torabschlüsse nach Balleroberung, nicht allzu sehr vernachlässigt hat. Die 96-Taktikreform hat die „Zehn-Sekunden-Regel“ anscheinend komplett abgeschafft und ist damit vielleicht etwas zu weit gegangen – oder wie es FanMag-User 123werhatdenball treffend formuliert: „Ich finde, diese Regel, dass man den Ball 30 Minuten pro Spiel an der Mittellinie hin und her schieben muss und dann diese nur im Schneckentempo überqueren darf, gehört dringend abgeschafft.“

FSV Mainz 05 – Hannover 96 2:1 (1:1)
Mainz: Wetklo, Pospech, Svensson, Noveski, Zabavnik, N. Müller (90. + 2 Bell), Polanski, Soto, Ivanschitz (82. Risse), S. Parker (52. Karius), Szalai
96: Zieler, Cherundolo, Eggimann, Haggui, Pander, da Silva Pinto, C. Schulz, Stindl, Schlaudraff (73. Ya Konan), Rausch (69. Huszti), M. Diouf (88. Sobiech)
1:0 N. Müller (10., Rechtsschuss, S. Parker)
1:1 C. Schulz (28., Rechtsschuss, Stindl)
2:1 Szalai (89., Kopfball, Polanski)
Schiedsrichter: Günter Perl
Zuschauer: 28.277 (laut Sky davon 1.500 96er)
Gelbe Karten: Noveski (4.), Szalai (4.); da Silva Pinto (3.), Haggui (5.), C. Schulz (2.)
Rote Karte: Wetklo (49., Handspiel außerhalb des Strafraums)

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2 Gedanken zu „Eine Halbzeit Überzahl genügt 96 nicht

  1. Aus dem Text kommt aber mächtig viel Frust und Nachtreten. Das geht sicher stilvoller. Der Mainzer Trainer benimmt sich nicht anders als 90% seiner Kollegen (inkl Mirko), wenn man mal schaut was da am Rand abgeht, er hat damals nur den Fehler gemacht öffentlich zu sagen, dass er ein schlechter Verlierer ist und seitdem hält jede Kamera drauf. Und nebenbei: Unsere Spieler fallen genauso leicht, auch wenn dir das mit Vereinsbrille nicht immer auffällt. Mich nervt das bei uns genauso wie bei den Gegnern, gehört aber wohl zum Business. Gerade in der 1. Halbzeit gab es da genug Szenen die man nicht hätte pfeiffen müssen. Und ich dachte die Faiplay Geschichte könnten wir mal abhaken: nur weil die meisten Kartenstatistiken als Fairplay-Tabelle bezeichnen ist es noch keine, ich weiß nicht warum dieser Mist immer noch aus dem Archiv gekramt wird?! Ich dachte das hätten die meisten verstanden. Zudem: Wir spielen in der EL! Und genau darauf sollten wir uns konzentrieren, genauso dass wir uns auf unser eigenes Spiel konzentrieren und nicht auf das Verhalten der Gegner. Da gibts derzeit genug zu tun. Die Mannschaft hat deutlich an Elan und Ideen verloren, das ist es was mir Sorgen macht, nicht wie ein Tuchel auf den Schiri reagiert oder ob die Mainzer sich jetzt zweimal mehr haben zu leicht fallen lassen als unsere.

    • Danke für Deinen Kommentar. In den meisten Punkten stimme ich mit Dir überein: Frust und Nachtreten? Absolut und zwar hoffentlich rotwürdig! Auch vollkommen korrekt, dass sich die Mannschaft die Niederlage zuerst selbst zuzuschreiben hat, aus einer Halbzeit in Überzahl hätte man mehr machen müssen, insgesamt geht bei den Roten seit einiger Zeit nicht mehr so viel zusammen. Ebenfalls d’accord, dass sich die Spieler in der Bundesliga allesamt zu schnell fallen lassen und auch unsere Jungs da einiges mitnehmen. Anders als Dir sind mir die Mainzer am Sonnabend aber schon enorm auf den Sack gegangen. Szalai hatte an Lächerlichkeit kaum noch zu überbietende Szenen und Tuchels Stil sagt mir überhaupt nicht zu. Er hat nicht nur im Interview gesagt, dass er ein schlechter Verlierer ist, er ist auch einer. Das nervt vor allem dann, wenn ein Club wie der FSV Mainz auch noch auf der Sympathiewelle reitet. Dies ist auch der Grund, weshalb ich eingangs noch einmal die Fair-Play-Nummer von 2005 erwähnt habe: Damals hat meiner Meinung nach bei der Bewertung der weichen Faktoren auch mehr der Schein das Sein bestimmt. Seinerzeit war übrigens – wenigstens meiner Erinnerung nach – überhaupt nicht klar, dass weitere Kriterien zu Verschiebungen führen können. Ansonsten sind Tuchel & Co schon fast vergessen und meine ganze Konzentration gilt bereits UD Levante, Sachen für Valencia werden heute Abend gepackt – unsere Konzentration aufs Spiel am Donnerstag wird aber alleine wohl kaum helfen, da ist die Mannschaft in der Pflicht.

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