Das Kollektiv der Dynamos

Pyro Nordkurve Pokal DresdenDas Sportgericht des DFB hat Dynamo Dresden wegen der Vorkommnisse beim Pokalspiel in Hannover für den kommenden DFB-Pokal-Wettbewerb ausgeschlossen. Es begründete seinen Beschluss mit dem „fortgesetzten unsportlichen Verhalten“ der Dynamo-Fans: Diese hatten unter anderem vor der Partie in einigen Stadionbereichen die Eingänge zu den Blöcken gestürmt, nach dem Spiel waren rund 200 Dynamo-Anhänger auf den Rasen gelaufen, schließlich war in der Dynamo-Kurve kräftig gezündelt worden.  Auch Hannover 96 kommt nicht ungeschoren davon: Gegen 96 wurde eine Geldbuße in Höhe von 70.000 Euro verhängt, womit insbesondere das Abbrennen von Pyrotechnik während der Partie bestraft werden soll.

Ein paar hundert sogenannte Dresden-Fans wollen ihre Mannschaft für die gute Leistung beim Pokalspiel in Hannover abklatschen und vielleicht auch etwa einen auf dicke Hose machen.

Ein paar hundert sogenannte Dresden-Fans wollen ihre Mannschaft für die gute Leistung beim Pokalspiel in Hannover abklatschen und vielleicht auch etwas einen auf dicke Hose machen.

Auf youtube finden sich unzählige Videos vom Pokalabend. Hier die Perspektive eines der etwa 9.000 mitgereisten Dresden-Fans:

Der Ausschluss vom DFB Pokal trifft einen sportlich unterdurchschnittlichen Zweitligisten wie Dynamo Dresden insbesondere finanziell hart. Es soll an dieser Stelle nicht erneut das Fass aufgemacht werden, inwieweit die Vorkommnisse in den Medien überzeichnet worden sind, der Platzsturm nach dem Spiel eher ein Platzstürmchen war und das Entern der Blöcke vor der Partie auch durch die unzureichende Koordination beim Einlass der Dresdner Fanmassen ausgelöst worden ist. Hierzu ist schon alles geschrieben worden. Vielmehr soll die Frage aufgeworfen werden, wofür Dynamo Dresden eigentlich bestraft wird:  Blocksturm, Pyro, Anti-DFB-Banner, Platzsturm – schön und gut, aber wo liegt genau das Verschulden des Vereins Dynamo Dresden? Veranstalter der DFB-Pokal-Partie ist schließlich Hannover 96 gewesen und es ist auch nicht ersichtlich, dass Dynamo Dresden das Verhalten des aggressiven Teils seiner Fans geduldet oder gar unterstützt hätte. Oder soll sich Dynamo etwa auch ohne eigenes Verschulden das Verhalten seiner Fans zurechnen lassen müssen, zu denen es in aller Regel in keiner rechtlichen Beziehung stehen dürfte?

Wer solche Fragen stellt, hat den Geist, der hinter den vom DFB verhängten Sanktionen steht, noch nicht verstanden. Für das DFB-Sportgericht sind etwaige Verfehlungen des Vereins Dynamo Dresden nicht der Punkt. Die Sportgerichtsbarkeit hat seit jeher kein Problem damit, die Vereine für das Fehlverhalten Einzelner zu sanktionieren, deren Tun ihnen nach rechtlichen Gesichtspunkten an sich nicht zugerechnet werden kann. Der DFB will mit dem Ausspruch von Sanktionen sogar noch weiter greifen: Zunächst trifft der Pokalausschluss den Verein Dynamo Dresden, am Ende sollen dann aber vor allem die Dynamo-Fans in ihrer Gesamtheit für das Verhalten einzelner Anhänger bestraft und letztlich diszipliniert werden. Es fällt außerordentlich schwer, diese Form der Sanktionierung nicht als eine Spielart der Kollektivstrafe anzusehen, also der Bestrafung einer Gruppe für Handlungen eines oder mehrerer ihrer Mitglieder. Nur dass man vorliegend genau genommen sogar schon infrage stellen könnte, dass die Delinquenten überhaupt einer ohne weiteres abgrenzbaren Gruppe zugeordnet werden können. Denn gibt es ein Kollektiv der Dynamo-Fans, zu dem der Mecker-Opa genauso zählt wie der Ultra mit Pryromanie und dem der Steppke aus dem Familienblock ebenso zuzuordnen ist wie der nsu-affine Althauer? „Exakt so ist es“, lautet offenbar die Antwort des DFB-Sportgerichts.

Doch könnte man diese Art der Bestrafung nicht damit zu rechtfertigen suchen, dass auf diesem Wege Selbstregulierungskräfte der Fanszenen aktiviert werden, sich die wahren Fans von den im DFB-Jargon „sogenannten Fans“ distanzieren, die Ordnungs- und Polizeikräfte eventuell sogar bei der Verfolgung von Missetätern unterstützen? Auch in Hannover wird bekanntlich aus diesem Gesichtspunkt heraus immer wieder darüber nachgedacht, die für die Pyroaktionen verhängten Strafen über die Eintrittspreise auf den gesamten Rote-Kurve-Block umzulegen. Und in der Tat gelingt es oftmals, mit der Androhung und Verhängung von Kollektivstrafen einen Keil in die Fanszenen zu treiben – dies kann man etwa nach der Bestrafung eines Vereins wegen Pyroaktionen seiner Ultras durch einen Blick in ein beliebiges Fanforum und die dort stattfindenden Diskussionen mühelos nachvollziehen. Effektivität kann man der Kollektivstrafe daher kaum absprechen. Nur wird dieser Wirkmechanismus der Kollektivstrafe gemeinhin nicht als erstrebenswert, sondern als ziemlich perfide angesehen, die Stärken der Kollektivstrafe liegen nicht gerade bei der Rechtsstaatlichkeit. Alle Schüler nachsitzen lassen, weil der eine Schüler, der den Lehrer im Internet beleidigt hat, nicht ermittelt werden kann? Für den Lehrer verlockend, aber dennoch fragwürdig, will man Schüler nicht zu Denunzianten erziehen und bei ihnen krude Vorstellungen von Verantwortung fördern. Regelmäßige Stadiongänger wissen jedoch: Bei Fußballfans kann durchaus plötzlich richtig sein, was anderswo als grundfalsch angesehen wird.

Es wäre nicht ganz ehrlich, an dieser Stelle nur den DFB zu rüffeln. Das Gesamtbild wäre unvollständig ohne den politischen Druck, welcher zurzeit auf dem Thema Sicherheit im Fußballstadion lastet. Die Parteien stehen schon in den Startlöchern für den diesjährigen Bundestagswahlkampf, die Politik wird das Thema in naher Zukunft daher eher noch stärker beackern. Beweisen DFB, DFL und ihre Vereine nicht öffentlichkeitswirksam ihre Handlungsfähigkeit, wird sich schon bald die Politik des Themas annehmen. Auch wenn es keine Waisenknaben erwischt hat, vor allem diese politische Großwetterlage ist das Pech der Dynamos.

Den Krapfen mampfenden Private Paula und die Fußballfreunde aus Dresden verbindet mindestens die praktische Kurzhaarfrisur:

Durch Kollektivverantwortung Selbstregulierungskräfte der Gruppe aktivieren:

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Ein Gedanke zu „Das Kollektiv der Dynamos

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